Venedig

Wann ließe es sich besser reisen in diese bezaubernde Stadt, diesen unwirklichen Ort, als in den äußerlich leeren Monaten November, Dezember, Januar, wenn Venedig träumt und schläft und sich vorbereitet auf den nächsten Touristensturm im Frühjahr und Sommer. Gerade im November, die Biennale läuft noch, weiches Licht schmeichelt, es gibt eine Hoffnung auf letzte Sonnenstrahlen und eine Erwartung auf kühlenden Nebel über den Kanälen, die Stadt ist bevölkert mit Menschen, die diese Stimmung suchen, die schwarz gekleideten mit schon grauen Haaren und großen Brillen oder die Bunten, die Mutigeren in hellgrünen Capes und geringelten Socken, oft stylish, immer durchdacht, immer angekommen. Mir geht ein Spruch durch den Kopf von Victor Marie Hugo:

Vierzig Jahre sind das Alter der Jugend, fünfzig die Jugend des Alters.

Und so treiben wir, das Alter der Jugend und die Jugend des Alters, über die Plätze und durch die Gassen, auf die Vaporettos und in die Restaurants, geflissentlich die Gondeln meidend, das haben wir gemacht, früher, das ist jetzt nicht mehr nötig. Es liegt ein sanftes, geschäftiges Summen über der Stadt,  das sahnige Zitroneneis auf der Piazza San Stefano schmeckt besser als irgendwo sonst, und wir sinken ein in das wohlige Gemurmel, das über dem Platz liegt und von den Mauern der Häuser widerhallt.

Und der Markusplatz, einen Bellini auf diese Stadt, teuer, natürlich ist er teuer, muss teuer sein auf diesem Platz, der hunderte Jahre Geschichte atmet, im Rücken die Live-Band mit Fliege und Frack, das Akkordeon jubelt und klagt, der Tango sehnt und flirtet, verstummt, das Publikum erhebt sich und mit ihm die Tauben, die Menschen bevölkern, die das genießen.

Es geht Richtung Rialto, ach, Rialto, so unbändig und quirlig und trubelig, Pizzeria an Pizzeria, Souvenir an Souvenir, wer will, wird hier fündig, aber wer braucht das, wenn er die Stimmung dieser Stadt, dieser prachtvollen Kulisse, im Herzen mitnehmen kann. Hier jedenfalls riecht man Gewürze, werden Meeresfrüchte frittiert und verzehrt, schiebt sich Mensch an Mensch, auch zu dieser Jahreszeit noch.

Aber Stärkung gibt es auch anderswo, die köstlichen Weißbrothäppchen, raus damit an den Kanal, neue Einfachheit, ist das frisch, ist das köstlich, ein Gaumenkitzel ohne großen Aufwand.

Und dann doch, das Treiben und Treiben lassen haben ein Ende, der Dogenpalast lockt und belohnt, ein Rundgang durch Pracht und Prunk und über die Seufzerbrücke in die kargen Verliese,  wo Wohl und Wehe so nah beieinanderliegen, blutige Szenen auf Wandgemälden in riesigen Sälen, in denen einst über das Schicksal Venedigs entschieden wurde.

Es zieht wieder hinaus, an die Luft, an das Licht, die Sonne verwöhnt, kein Auto stört, Venedig, Du Schöne, die Zeit steht still, die Zeit wandert weiter und unausweichlich kommt auch hier der Moment, da heißt es Abschied nehmen von der Lagune, an der Stazione di Venezia Santa Lucia, dem Bahnhof, nehmen wir wieder Fühlung auf mit dem anderen Leben da draußen, werden zurückgeworfen in die Echtzeit und gleichzeitig in die Hoffnung, irgendwann zurückzukehren.

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Jahreswechsel 2015/16

Das eine Jahr geht, das andere kommt, die Tage dazwischen, sie sind nicht-Tage, nicht „zwischen den Jahren“, sondern klar noch im alten, dennoch, was macht sie so besonders? Der Weihnachtsschmuck hängt und steht noch, je nach dem, erinnert an die vergangene Verheißung des damals noch kommenden Weihnachtsfestes, muss noch bestehen, kann noch nicht fortgeräumt werden, erst wenn die Erinnerung an die freudige Zeit davor – was war am 5. Dezember, was am 16.? – nicht mehr schmerzt, erst dann kann er wieder wandern in Kisten und Schachteln, in Keller und auf Dachböden. Dann erst ist Raum für das Neue, das neue Jahr, den Blick nach vorne, der Baum muss fort, muss Platz machen für neue Tage, neue Ideen, neue Frische, die wieder enden im alten und doch immer neuen Ritual der Kalender und Kugeln und Kerzen.

Wann sonst halten wir inne, denn an diesen Tagen dazwischen, nie vergleichen wir den 17. Juni oder den 28. August oder den 9. Oktober eines Jahres mit dem davor, doch Weihnachten, Weihnachten und der Jahreswechsel, diese köstlichen, besonderen Tage sind Gegenstand beständigen jährlichen  Vergleichs. Die Tage dazwischen, sie sind eine kollektive Notbremse, halt an, schau Dich um, wo stehst Du… wo stehe ich, was bleibt, was geht, wie war es und wie soll es werden, wie wird es werden, eine Zeit der Gedankenfülle und Pläne, Vorsätze und Ideen. Mit viel Glück schwappen sie über ins neue Jahr, werden im Alltag geprüft und haben Bestand, und wenn nicht, was soll’s, es geht ja vielen anderen auch so.

Und dann geht ein Ruck durch die Tage, sie schwingen sich auf, sie haben ihr Ende und müssen ihr Ende haben in einem Feuerwerk, das alte Jahr ist verinnerlicht, lass uns bewahren, was es Gutes brachte und sehen, was wir ändern können. Der Blick geht nach vorne, endlich, die Tage werden schon wieder länger, langsam schält das neue Jahr sich heraus, ist da und wird jubelnd empfangen, prosit Neujahr!