Wer die Nachtigall stört…

Es ist ein Buch, das viele kennen, ein amerikanischer Klassiker aus dem Jahre 1960, häufig Schullektüre, und jetzt, nach so vielen Jahren mit einer überarbeiteten deutschen Übersetzung neu aufgelegt: „Wer die Nachtigall stört…“ von Harper Lee. Es überrascht von Anfang an, so beiläufig und leicht ist es geschrieben, erzählt vom Leben der anfangs sechs- später achtjährigen Scout, ihres Bruders Jem und ihres Vaters Atticus Finch, der Witwer ist und Rechtsanwalt und alleine sorgt für seine beiden Kinder mit Hilfe der Farbigen Calpurnia. Scout erzählt aus ihrer Sicht, der Sicht des kleinen Mädchens, aber man hört Harper Lee heraus, die Erwachsene, denn manchmal zeigen Scouts Wahrnehmungen einen zu großen Überblick über ihre Welt, eine zu große Weitsicht, die es dem erwachsenen Leser leicht machen, der Erzählung freudig zu folgen, die zu einem kleinen Mädchen aber nicht ganz passen.

In den ersten Sätzen schon wird Jems Unglück mit dem Arm erwähnt, man versteht es nicht, und es braucht fast 450 Seiten, um es zu verstehen, Seiten, die wie im Fluge vergehen, die Erzählung plätschert leicht dahin, erzählt vom täglichen Leben, dem Schulbeginn, dem geheimnisvollen Boo Radley und anderen Nachbarn in der kleinen Provinzstadt Maycomb in den Südstaaten der USA.

Faszinierende Charaktere tummeln sich im Buch: zum Beispiel der kleine Ferienfreund Dill, der Scout und Jem im Sommer besucht, ein Junge mit großem Freiheitsdrang, endlosen Ideen und einer überbordenden Fantasie, aber im Grunde zutiefst traurig mangels echten elterlichen Interesses an ihm. Interpretationen vermuten, dass Harper Lee in dieser Figur ihren engen Freund Truman Capote verewigt hat, den Truman Capote, dem sie bei den Recherchen zu „Kaltblütig“ half;  man mag es kaum glauben, so dramatisch unterschiedlich sind die Sujets dieser beiden Bücher. Oder Mr. Dolphus Raymond, nur eine Randfigur gegen Ende des Buches, aber mit großem Augenzwinkern und Tiefsinn gezeichnet. Er stammt aus einer der ältesten örtlichen Familien, hat eine farbige Frau und mit ihr Kinder, gilt als hoffnungsloser Trinker und offenbart in einem herrlichen Gespräch mit Scout und Jem: “ ‚(…) Ganz unter uns, kleine Miss Finch, ich bin kein Trinker, aber weißt du, sie könnten nie und nimmer verstehen, dass ich nur deshalb so lebe, weil ich so leben will.‘ “ (S. 319). Oder die alte, kranke und zänkische Mrs. Dubose, deren Kamelien Jem nach einer gemeinen Provokation aus Wut zerstört und deswegen zum Vorlesen verdonnert wird, Vorlesestunden, deren Bedeutung Jem nicht ermessen kann und auch der Leser erst im Nachhinein versteht. Oder die standesbewußte Tante Alexandra mit ihrem Hang zu gesellschaftlichen Formalitäten, oder, oder.

Aber von allen Charakteren ist es der Vater Atticus, der dieses Buch und seine Kinder prägt, auch wenn über ihn zunächst fast nebenbei erzählt wird, eben so, wie ein Kind einen liebevollen Vater wahrnimmt: er ist einfach da. Atticus ist ein besonderer Mensch: ein fürsorglicher Vater, geduldig, wohlwollend und zugeneigt gegenüber seinen Kindern, etwas steif, aber verantwortungsbewusst, gebildet und mit ehernen Prinzipien der Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Toleranz, der Sätze sagt wie “ ‚Sie sind durchaus berechtigt, so zu denken, und sie können auch verlangen, dass wir ihre Meinung respektieren. Aber bevor ich mit anderen leben kann, muss ich mit mir selber leben. Das Einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen.‘ „ (S. 170). Und so ist es dieser Atticus, der dem Buch Aktualität verleiht, indem er den Leser anregt, sich mit ihm und seinen zeitlosen Werten zu beschäftigen, dieser Atticus, der ganz am Ende seine eigenen Prinzipien in Frage stellen und sich entscheiden muss, aus Gründen der Menschlichkeit.

Aber bevor es dazu kommt, findet ab der Mitte der Erzählung ein Aufsehen erregender Prozess statt: Der farbige Landarbeiter Tom Robinson wird beschuldigt, eine weiße junge Frau vergewaltigt zu haben. Atticus verteidigt diesen Landarbeiter, und dafür muss er sich rechtfertigen, vor der ganzen Kleinstadt, aber auch vor seinen Kindern. Der Ausgang des Prozesses zur damaligen Zeit im rassistisch geprägten Maycomb scheint klar, der Farbige muss verurteilt werden unabhängig von seiner Schuld, doch es gelingt Atticus, sich aufzubäumen gegen diese Zwangsläufigkeit; über das Ergebnis seiner Bemühungen handelt das gute letzte Drittel der Erzählung.

Für mich ist die stärkste Szene des Buches der Abend vor Prozessbeginn, als die Stimmung zu kippen droht und eine enthemmte Meute zu allem bereit ist. Auch in dieser dichten, bedrohlichen Szene geht es um Grundsätzliches, wenn Scout erzählt: „Atticus hatte gesagt, es sei höflich, mit den Leuten über Dinge zu reden, für die sie sich interessieren, und nicht über Dinge, die einen selbst interessieren.“ (S. 245) „(…) Ringsum herrschte Totenstille.“ (S. 246).

Und so ist „Wer die Nachtigall stört…“ ein zeitloses Manifest der Menschlichkeit. Oder einfach nur ein zauberhaftes Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen will.

 Anmerkungen:

Harper Lee, Wer die Nachtigall stört, Neuausgabe, 3. Aufl. August 2015, erschienen bei Rowohlt.

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Dudamel

Ein Feuerwerk, es ist ein Feuerwerk für die Ohren, die Sinne, das Gefühl, immer noch, das ist geblieben. Vor vierzehn, fünfzehn Jahren das erste Mal: der Venezolaner Gustavo Dudamel, Anfang zwanzig, leitete das venezolanische Simón-Bolívar-Jugendorchester, Dirigent jung, Orchester jung, welch ein Orkan, welch eine Leidenschaft, Lebensfreude pur. Junge Musiker, immer in Bewegung, sie stehen auf, sie setzen sich, sie tragen bunte Trainingsanzüge in den Farben der Nationalflagge Venezuelas. Das Publikum ist hingerissen, das ist neu, das ist frisch, da springt der Funken über. Ein Abend, einmalig und unvergessen.

Und jetzt, heute? Sie sind erwachsen geworden, die jungen Musiker, aus dem Jugendorchester ist das Simón-Bolívar-Sinfonieorchester geworden. Ob die Besetzung vollständig dieselbe ist wie früher, weiß man nicht, es sind einige jüngere Gesichter dabei, aber wir sehen: gewachsene, etablierte, begeisterte Musiker, immer noch kein Anflug von Aufgesetztheit oder Selbstzufriedenheit, aber selbstsicheres Musizieren auf höchstem Niveau. Da hat sich was entwickelt unter der Leitung von Dudamel, gerade noch 34 Jahre alt, dem Ausnahmetalent, der daneben auch Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic Orchestras ist. Der jedes  große Orchester dieser Welt dirigieren könnte oder schon dirigiert hat oder noch dirigieren wird.

Das Besondere, und das bleibt wohl weiterhin das Geheimnis der großen Spielfreude: Das Orchester setzt sich zusammen aus Musikern, die „El Sistema“ durchlaufen haben und zum größten Teil erst durch dieses staatlich geförderte Programm Venezuelas zum Musizieren gebracht wurden. „El Sistema“ zielt seit 1975 auf Kinder aus benachteiligten sozialen Verhältnissen, will sie zur Musik führen und wenn möglich in ein besseres, zumindest erfüllteres Leben, will Möglichkeiten eröffnen, wo nichts möglich scheint.

In einem Land, das nicht frei ist von politischer Kritik, scheint dieses Programm hervorragend zu funktionieren. Denn auch beim Sinfonieorchester sind geblieben, spürbar und hörbar auch heute noch: Leidenschaft, Begeisterung, das Brennen für den Augenblick, für die Töne, die gerade jetzt gespielt werden, es herrscht höchste Konzentration. Stravinsky ist es diesmal, nicht einfach, weder für Orchester noch Publikum, aber glühend vorgetragen, mit klaren, feinen Tönen, sie hüpfen herum zwischen Bläsern und Streichern, bauen sich auf, verstummen abrupt. Das begeistert auch Menschen, die keine ausgesprochenen Klassik-Fans sind, die Jazziges heraushören und die die großen, eingängigen Melodien nicht vermissen.

Musik, die das Leben der Musiker verändert hat. Und ein Abend, der auch heute wieder einmalig bleibt.

 

New York

Wie diese Stadt beschreiben, über die alles gesagt, geschrieben, gedichtet ist? Wie Worte finden, ohne sich in Klischees zu verheddern, Phrasen zu dreschen, geht das überhaupt?

Vielleicht so: Alles ist anders und doch ist nichts fremd. Der Dampf steigt auf aus den U-Bahn-Schächten, immer wieder Sirenen, seit Kindheit vertraut aus unzähligen amerikanischen Serien. Schritte auf grauem Asphalt, die Straßen wogen von West nach Ost, ziehen von Nord nach Süd, werfen Falten, befreien den Blick im Häusermeer. Dankbares Schachbrett. Menschen schieben sich, ziehen mit und lassen los, zweigen ab, verlieren sich, Ampeln als Indizien für korrektes Verhalten, entscheiden tut jeder selbst.

Unbeobachtet, jederzeit. Grüne Haare, gelbe Haare, Plateaus bis zum Knie, egal. Ganzköperanzug, Farbe am Körper, enge Hosen, weite Hosen, egal. Tiefer noch als anderswo, ein Einsinken, Versinken in Anonymität. Alles schon gesehen, in Reportagen, in Kinofilmen, der einzelne Besondere austauschbar, aber immer als Einzelner besonders, anders, aber nicht fremd.

Die angesagten Viertel, West Village, Meatpacking, Soho, Greenwich Village, europäisch anmutend, da wo die Stadt geschrumpft scheint und der Kopf mit dem Normalmaß der Gebäude nicht überfordert ist, Täler zwischen dem Financial District an der Spitze Manhattans und den Hochhäusern Richtung Central Park, den bekannten, Empire State, Chrysler, Rockefeller, Trump Tower und wie sie alle heißen, klingende Namen, manche in die Jahre gekommen, alles anders und doch nichts fremd.

Die Museen und die besonderen Orte, das MoMa, die Met, Carnegie Hall, Madison Square Garden, Radio City Music Hall, Gospel in Harlem, auch das Namen, die hunderte Male gefallen sind, bekannt, die Straßenzüge aus rotem Sandstein mit Treppenaufgängen zur Haustür, Feuerleitern, überall: alles anders und doch nicht fremd, und wenn es nicht direkt hier original gefilmt wurde, dann zumindest nachgebaut in Hollywoods Filmstudios an der Westküste, bei Universal, zum Beispiel.

Und so macht sie es uns manchmal nicht leicht, diese Stadt, New York, Manhattan, sie ist schnell und laut und geschäftig und bietet unerschöpflich viel, alles anders, aber doch nicht fremd. Da kann es passieren, dass der Reisende heimfliegt mit einem Hauch von Leere, das soll es also gewesen sein, groß, ja, überwältigend, ja, vielleicht auch atemberaubend, aber es fühlt sich nicht neu an, komisch, was also nehme ich mit.

Doch manch einem ist er vergönnt, der eine, der mystische Moment, an einem ruhigeren Ort vielleicht, etwa im Bryant Park hinter der New York Library, die Geräusche der Stadt noch da, der Mensch sich aber besser aufgehoben fühlend, oder am See im Central Park, sonntagsmorgens, wenn frühe Jogger ihre Runden drehen und auch diese Stadt ihr Tempo erst langsam wieder aufnimmt. Der eine Moment, in dem alle im Kopf mitgebrachten Bilder und Fotos und Szenen ins Herz rutschen und sich vereinen mit dem realen Augenblick, dem Da-Sein an diesem Ort, und man ungläubig diesen Moment betrachtet. Und das ist der Moment, in dem sich ein tiefer Seufzer löst, endlich.

 

 

Südtirol

Familienurlaub im Familienauto, die Straße führt steil nach oben, das Ziel der Wasserfall in Partschins. Die Sonne brennt, Kurve um Kurve, mit Rücksicht auf die Jüngsten nicht alles von unten ersteigen, nicht schon am Anfang des Urlaubs. Vorbei an Häusern mit Blumenschmuck, so prachtvoll und synchron wie ein Ballettensemble, als ob es interne Absprachen gäbe, eine stillschweigende Übereinkunft für die gesamte Region, wie sieht der perfekte Blumenschmuck aus. Gut, die Natur tut das Ihrige, verwöhnt mit dem rechten Maß an Sonne und Regen, Palmen wachsen hier, Obst natürlich, in rauen Mengen, die Kirschen, so süß und saftig, wie kaum irgendwo sonst, die Äpfel knackig, die Pfirsiche schmelzen im Mund.

Und dann das: die eine Kurve zu eng, der Bordstein aus grob gehauenem Stein, der Ratscher, der Riß im Reifen sofort spürbar. Aussteigen, gucken, Erleichterung, es ist nur der äußerste Schlauch, das Innere des Reifens unversehrt. Dennoch, der Blick des Ehemanns zur Ehefrau, damit zurück nach Hause, hunderte Kilometer Autobahn? Ein stummes Kopfschütteln der Ehefrau, Du willst doch wohl nicht…. Erledigt.

Googeln, suchen, fragen, die eine Autowerkstatt, die die entsprechenden Reifen führen könnte, ist nicht weit. Die ungewohnte Mittagspause, die die Zeit in der ganzen Region so gnädig verlangsamt, den Tag unterbricht, unterteilt in einen echten Vormittag und einen echten Nachmittag und dem eigenen Wollen, Müssen, Können wie selbstverständlich Einhalt gebietet, diese Mittagspause muss abgewartet werden.

Den Reifen könne er beschaffen, ja, nur leider nicht einzeln, er könne nur einen Satz von vieren bestellen, das aber kurzfristig. Natürlich fangen wir an zu überlegen, was tun, das geht doch nicht, sprengt alles Denkbare. Auch er überlegt, hm, ob uns damit geholfen sei. Er kratzt sich am Kinn, strafft sich, richtet sich aus, geht zur Straße. Er zeigt die Straße herunter, da unten, wir sehen die Werbung, da ist sein direkter, sein einziger Konkurrent weit und breit. Was hat er vor? Er wird doch nicht… Also, da unten, bei der anderen Werkstatt, beim Konkurrenten, da sollten wir es versuchen, der könne die Reifen wahrscheinlich einzeln bestellen. Das komme uns günstiger. Und so ist es.

Gesegnete Gegend.

 

Stricken

Stricken ist das neue Gärtnern, ist das neue Kochen, ist das neue Yoga. Und damit neu entdeckt, raus aus dem vermeintlich altmodisch Muffigen, rein ins Überhippe, ins Angesagt-Sein. Wie so oft, es kommt auf die Einstellung, die Motivation an, was mache ich und warum. Stricken beruhigt oder regt an, Stricken macht schläfrig oder wach, je nach dem, wie ich es betreibe. Konzentriere ich mich auf die Maschen, Masche um Masche, zähle mit, dann ist da kein Platz für Anderes. Oder aber, die Hände fließen, die Finger sind geübt, wie beim Pianisten, der beim Spiel ein Interview gibt, dann ist da Platz im Kopf für Neues, wunderbar, Gedanken fließen mit den Händen und mit der Wolle.

Für den Anfang: bloß kein Buch, Wolle her, die passenden Nadeln, Beratung hilft, und Youtube. Flächen, Flächen sind gut, Schals und Decken, da kann man sich in Ruhe entscheiden, welche Einstellung wirklich treibt, die beruhigende oder die anregende, ob’s gefällt oder eher nicht. Vielleicht ist es ja nicht das Richtige.

Doch wenn es gefällt, ha, dann vielleicht kurz inne halten und sich klar werden: was gefällt hier eigentlich, das Stricken an sich, der Weg ist das Ziel, wie befreiend, eine Sache um ihrer selbst willen tun. Oder gefällt das Ergebnis, das Stricken als Mittel zum Zweck, als „um zu“, kann ich es nicht abwarten, bis das Werk fertig ist, ist das Stricken selbst nur der steinige Weg dorthin. Was mache ich und warum. Und wieder weitergedacht, wenn das Ergebnis gefällt, warum dann das, will ich Freude machen, mir oder anderen. Oder geht es um Anerkennung, um Zuspruch, um Lob. Und kann ich dann noch die fallengelassene Masche verschmerzen, mit diesem Fehler leben oder macht er mich rasend. Wie weit kann ich tolerieren, wo ist die Grenze, wann löse ich das bereits Gestrickte wieder auf und fange von vorne an. Was mache ich und warum.

Lehrreich, so oder so.

 

Resilienz

Resilienz ist in aller Munde, die psychische Widerstandskraft des Einzelnen, individuelle Lebenskrisen durchzustehen, zu überstehen und im besten Fall zu verarbeiten; allein Google liefert auf Anhieb über 500.000 Suchergebnisse. Und weil das so ist, gibt es unerschöpfliche Literatur zu dem Thema, wissenschaftliche Bücher und Ratgeberliteratur, die zahlreiche Hinweise geben, wie Resilienz zu erwerben oder zu fördern ist.

Es gibt einen Namen, auf den viele Bücher, auch die oberflächlicheren Werke, immer wieder verweisen, das ist der Name Viktor E. Frankl. Dahinter steht ein ergreifendes Schicksal: der Österreicher Viktor Frankl war Psychologe, war in Deutschland im Konzentrationslager und hat überlebt. Nach seiner Befreiung schrieb er im Dezember 1945 innerhalb weniger Tage einen Bericht über seine Zeit im Lager, über diese existentielle und mit nichts zu vergleichende Ausnahmesituation: „… trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.“. Deshalb liegt sein Schwerpunkt auf der Beobachtung der menschlichen Psyche unter diesen unmenschlichen Extrembedingungen, wie verhält sich wer unter dem Druck, vor allem die Lagerinsassen, aber auch ihre Bewacher. Frankl schildert die physischen und psychischen Gräuel, die die Lagerinsassen erdulden mussten, aber er ist gnädig mit seinen Lesern, die ganz überwiegend seine Erfahrungen nicht teilen, und das Erzählte kann höchstens ein Bruchteil dessen sein, was er erleben musste.

Der Bericht enthält eine Fülle von bedenkenswerten und weiterführenden Gedanken über Schicksal, Kontrolle und Entscheidungsfreiheit, doch das Wesentliche sind Frankls Ausführungen zur Widerstandskraft des Einzelnen: er sieht, dass die Lagerinsassen, die eine Vision, eine Hoffnung für die Zukunft haben, auf die „etwas wartet“, sei es ein Mensch, eine Aufgabe, eine Tätigkeit, dass diejenigen Menschen das Furchtbare zu überstehen, ja, gleichsam über sich selbst hinauszuwachsen vermögen. Denn diese innere Vorstellung gibt Kraft, und niemand kann sie nehmen. Und so erschüttert dieses Buch und wühlt auf, aber es ist kein trauriges Buch, sondern ganz im Gegenteil, es berührt im Inneren etwas und wirkt – fast unerklärlich – tröstlich und kraftspendend, weil es zeigt, wozu der Mensch auch in der schlimmsten Situation noch fähig sein kann.

Und jetzt spanne ich einen weiten Bogen – im Englischen würde ich sagen, with all due respect gegenüber Frankl – zu einem Film, „Die Verurteilten“ („The Shawshank Redemption“) aus dem Jahr 1994, der sich dem Thema Resilienz auf eine bezwingende Art und Weise nähert. Wer das Buch von Frankl und diesen Film kennt, der muss unweigerlich Verknüpfungen herstellen, auch wenn Frankl die grausame Realität schildert und der Film reine Fiktion ist. Auf den ersten Blick hat beides nicht viel miteinander zu tun: Der Banker Andy Dufresne (Tim Robbins) wird „doppelt lebenslänglich“ verurteilt wegen Mordes an seiner Frau und ihrem Liebhaber, unklar bleibt am Anfang, ob er schuldig ist, jedenfalls kommt er in das Gefängnis Shawshank mit all seinen Grausamkeiten und entwürdigenden Schikanen.

„Die Verurteilten“ wird beworben als „knallharter Knast-Thriller“ (DVD-Hülle 2007), vielleicht ist er das auch, aber für mich ist er in seiner unspektakulären und stringenten Erzählweise deutlich mehr, für mich ist er atemberaubend als Studie von Resilienz, Hoffnung und Unbeirrbarkeit. Denn Andy, körperlich eher schmächtig, hält sich tapfer, vom ersten Tag an ist er etwas Besonderes, oder, wie sein noch werdender Freund Red (Morgan Freeman) es formuliert, „Er schlenderte herum, (…) als ob er einen unsichtbaren Mantel anhätte, der ihn beschützt.“. Und spätestens ab da ist man der Erzählung verfallen, entwickelt sie einen unerklärlichen Sog, denn das Besondere, das Andy umgibt, das spürt der Zuschauer, und es ist etwas, was ganz tief in Andy verankert und unzerstörbar ist, trotz aller Gewalt, die auch ihm widerfährt.

Der Film zeigt brutale, schlimme Szenen, es geht um Sadismus, Erniedrigung und Qual, aber das alles rückt irgendwann in den Hintergrund, dann nämlich, wenn sich der Film unaufhaltsam auf seinen Höhepunkt zubewegt, dann geht er so richtig unter die Haut. Und dann berührt er tief in unserem Inneren etwas, von dem wir vielleicht gar nicht wussten, dass es da ist.

Anmerkungen:

Viktor E. Frankl, … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager., 7. Auflage 2015, erschienen bei Kösel, München.

Die Verurteilten („The Shawshank Redemption“) von 1994, DVD 2007.

 

Kommissar Maigret

Drei Jahre lang war ich fast täglich zu Gast, zu Gast bei einem französischen Kommissar, Maigret ist sein Name, geschaffen von Georges Simenon, drei Jahre lang und sein Vorname ist mir immer noch nicht geläufig. Doch, Jules heißt er, Jules Maigret, aber das ist nebensächlich, er ist Maigret, ebenso wie seine Frau „Madame Maigret“ ist über 75 Romane hinweg. Die Ehe ist traditionell, sie wartet auf ihn, kocht und erhält und erhellt sein Heim in Paris, ich könnte es merkwürdig finden aus moderner Sicht, tue ich aber nicht, denn alles passt.

Und so verlässt Maigret Tag um Tag sein Heim, um Kriminalfälle zu lösen, nicht die blutigen, die ekeligen, sondern die leisen Verbrechen und Morde, die, die irgendwo und irgendwie einmal ausgelöst werden, er will den Verbrecher finden und, wichtiger noch, seine Beweggründe. Maigret macht keine großen Worte, das ist das eigentlich Beruhigende, sondern Maigret ist und lässt den Verbrecher sein. Er steht und sitzt und beobachtet, oft begleitet von einem Glas Wein, einem Glas Bier, und lässt wirken, sich auf andere und die Situation auf sich; seine Geduld, sein Warten können und seine Gelassenheit sind es, die Täter überführen und ihn für den Leser so einzigartig werden lassen. Denn Maigret färbt ab, ich kann mich ihm und seinem So-Sein nicht entziehen, ich nehme ein Stück davon mit, heraus aus dem Buch, in meine Gedanken und in die Gegenwart; das ist zeitlos.

Die Sprache ist klar und perlend, immer präzise, nie zu lang, nie zu viel, reine Meditation, sie beruhigt den Geist, den unruhigen, fast wie von selbst und es gab Tage in diesen drei Jahren, da freute ich mich auf den Abend, auf die Lektüre; wenigstens ein paar Seiten noch sich an schlichter und prägnanter, gleichwohl besänftigender Sprache berauschen, manchmal nur 15, 20 Minuten lang, wie auch sonst, neben Familie und Job, aber eben diese kurze Zeit auskostend, bis die Müdigkeit zu groß wurde, zu groß selbst für Maigret.

Mein erster Band war „Mein Freund Maigret“, im Mittelpunkt die französische Mittelmeerinsel Porquerolles, Maigret ermittelt ausnahmsweise dort und hat einen Schatten, den korrekten Inspektor Pyke von Scotland Yard, der seine, Maigrets, Methoden studieren soll. Die Nähe des englischen Kollegen und sein Beobachten beunruhigen Maigret und sind ihm unangenehm, aber wie sie da beide in der Trägheit und Schwülstigkeit des frühen Inselsommers nach und nach leicht verlottern und dabei den Fall lösen, das ist eine köstliche Charakterstudie und macht Appetit auf mehr.

Und es reicht ein einziger Band, egal welcher, mitten heraus aus der Gesamtausgabe, um festzustellen, ob es einen packt oder eben nicht. Lesen, weglegen, etwas abwarten; ich habe nach gut zwei Wochen gemerkt, dass mir etwas, jemand fehlte, da war es um mich geschehen, doch das wusste ich damals, ganz am Anfang noch nicht, welch ein Glück oder auch wie schade, hätte ich doch meine Vorfreude auf mehr Maigret tiefer auskosten können.

Anmerkungen:

Georges Simenon, Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden in chronologischer Reihenfolge und in revidierten Übersetzungen sind erschienen bei Diogenes, Zürich.