Kommissar Maigret

Drei Jahre lang war ich fast täglich zu Gast, zu Gast bei einem französischen Kommissar, Maigret ist sein Name, geschaffen von Georges Simenon, drei Jahre lang und sein Vorname ist mir immer noch nicht geläufig. Doch, Jules heißt er, Jules Maigret, aber das ist nebensächlich, er ist Maigret, ebenso wie seine Frau „Madame Maigret“ ist über 75 Romane hinweg. Die Ehe ist traditionell, sie wartet auf ihn, kocht und erhält und erhellt sein Heim in Paris, ich könnte es merkwürdig finden aus moderner Sicht, tue ich aber nicht, denn alles passt.

Und so verlässt Maigret Tag um Tag sein Heim, um Kriminalfälle zu lösen, nicht die blutigen, die ekeligen, sondern die leisen Verbrechen und Morde, die, die irgendwo und irgendwie einmal ausgelöst werden, er will den Verbrecher finden und, wichtiger noch, seine Beweggründe. Maigret macht keine großen Worte, das ist das eigentlich Beruhigende, sondern Maigret ist und lässt den Verbrecher sein. Er steht und sitzt und beobachtet, oft begleitet von einem Glas Wein, einem Glas Bier, und lässt wirken, sich auf andere und die Situation auf sich; seine Geduld, sein Warten können und seine Gelassenheit sind es, die Täter überführen und ihn für den Leser so einzigartig werden lassen. Denn Maigret färbt ab, ich kann mich ihm und seinem So-Sein nicht entziehen, ich nehme ein Stück davon mit, heraus aus dem Buch, in meine Gedanken und in die Gegenwart; das ist zeitlos.

Die Sprache ist klar und perlend, immer präzise, nie zu lang, nie zu viel, reine Meditation, sie beruhigt den Geist, den unruhigen, fast wie von selbst und es gab Tage in diesen drei Jahren, da freute ich mich auf den Abend, auf die Lektüre; wenigstens ein paar Seiten noch sich an schlichter und prägnanter, gleichwohl besänftigender Sprache berauschen, manchmal nur 15, 20 Minuten lang, wie auch sonst, neben Familie und Job, aber eben diese kurze Zeit auskostend, bis die Müdigkeit zu groß wurde, zu groß selbst für Maigret.

Mein erster Band war „Mein Freund Maigret“, im Mittelpunkt die französische Mittelmeerinsel Porquerolles, Maigret ermittelt ausnahmsweise dort und hat einen Schatten, den korrekten Inspektor Pyke von Scotland Yard, der seine, Maigrets, Methoden studieren soll. Die Nähe des englischen Kollegen und sein Beobachten beunruhigen Maigret und sind ihm unangenehm, aber wie sie da beide in der Trägheit und Schwülstigkeit des frühen Inselsommers nach und nach leicht verlottern und dabei den Fall lösen, das ist eine köstliche Charakterstudie und macht Appetit auf mehr.

Und es reicht ein einziger Band, egal welcher, mitten heraus aus der Gesamtausgabe, um festzustellen, ob es einen packt oder eben nicht. Lesen, weglegen, etwas abwarten; ich habe nach gut zwei Wochen gemerkt, dass mir etwas, jemand fehlte, da war es um mich geschehen, doch das wusste ich damals, ganz am Anfang noch nicht, welch ein Glück oder auch wie schade, hätte ich doch meine Vorfreude auf mehr Maigret tiefer auskosten können.

Anmerkungen:

Georges Simenon, Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden in chronologischer Reihenfolge und in revidierten Übersetzungen sind erschienen bei Diogenes, Zürich.

 

 

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