Resilienz

Resilienz ist in aller Munde, die psychische Widerstandskraft des Einzelnen, individuelle Lebenskrisen durchzustehen, zu überstehen und im besten Fall zu verarbeiten; allein Google liefert auf Anhieb über 500.000 Suchergebnisse. Und weil das so ist, gibt es unerschöpfliche Literatur zu dem Thema, wissenschaftliche Bücher und Ratgeberliteratur, die zahlreiche Hinweise geben, wie Resilienz zu erwerben oder zu fördern ist.

Es gibt einen Namen, auf den viele Bücher, auch die oberflächlicheren Werke, immer wieder verweisen, das ist der Name Viktor E. Frankl. Dahinter steht ein ergreifendes Schicksal: der Österreicher Viktor Frankl war Psychologe, war in Deutschland im Konzentrationslager und hat überlebt. Nach seiner Befreiung schrieb er im Dezember 1945 innerhalb weniger Tage einen Bericht über seine Zeit im Lager, über diese existentielle und mit nichts zu vergleichende Ausnahmesituation: „… trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.“. Deshalb liegt sein Schwerpunkt auf der Beobachtung der menschlichen Psyche unter diesen unmenschlichen Extrembedingungen, wie verhält sich wer unter dem Druck, vor allem die Lagerinsassen, aber auch ihre Bewacher. Frankl schildert die physischen und psychischen Gräuel, die die Lagerinsassen erdulden mussten, aber er ist gnädig mit seinen Lesern, die ganz überwiegend seine Erfahrungen nicht teilen, und das Erzählte kann höchstens ein Bruchteil dessen sein, was er erleben musste.

Der Bericht enthält eine Fülle von bedenkenswerten und weiterführenden Gedanken über Schicksal, Kontrolle und Entscheidungsfreiheit, doch das Wesentliche sind Frankls Ausführungen zur Widerstandskraft des Einzelnen: er sieht, dass die Lagerinsassen, die eine Vision, eine Hoffnung für die Zukunft haben, auf die „etwas wartet“, sei es ein Mensch, eine Aufgabe, eine Tätigkeit, dass diejenigen Menschen das Furchtbare zu überstehen, ja, gleichsam über sich selbst hinauszuwachsen vermögen. Denn diese innere Vorstellung gibt Kraft, und niemand kann sie nehmen. Und so erschüttert dieses Buch und wühlt auf, aber es ist kein trauriges Buch, sondern ganz im Gegenteil, es berührt im Inneren etwas und wirkt – fast unerklärlich – tröstlich und kraftspendend, weil es zeigt, wozu der Mensch auch in der schlimmsten Situation noch fähig sein kann.

Und jetzt spanne ich einen weiten Bogen – im Englischen würde ich sagen, with all due respect gegenüber Frankl – zu einem Film, „Die Verurteilten“ („The Shawshank Redemption“) aus dem Jahr 1994, der sich dem Thema Resilienz auf eine bezwingende Art und Weise nähert. Wer das Buch von Frankl und diesen Film kennt, der muss unweigerlich Verknüpfungen herstellen, auch wenn Frankl die grausame Realität schildert und der Film reine Fiktion ist. Auf den ersten Blick hat beides nicht viel miteinander zu tun: Der Banker Andy Dufresne (Tim Robbins) wird „doppelt lebenslänglich“ verurteilt wegen Mordes an seiner Frau und ihrem Liebhaber, unklar bleibt am Anfang, ob er schuldig ist, jedenfalls kommt er in das Gefängnis Shawshank mit all seinen Grausamkeiten und entwürdigenden Schikanen.

„Die Verurteilten“ wird beworben als „knallharter Knast-Thriller“ (DVD-Hülle 2007), vielleicht ist er das auch, aber für mich ist er in seiner unspektakulären und stringenten Erzählweise deutlich mehr, für mich ist er atemberaubend als Studie von Resilienz, Hoffnung und Unbeirrbarkeit. Denn Andy, körperlich eher schmächtig, hält sich tapfer, vom ersten Tag an ist er etwas Besonderes, oder, wie sein noch werdender Freund Red (Morgan Freeman) es formuliert, „Er schlenderte herum, (…) als ob er einen unsichtbaren Mantel anhätte, der ihn beschützt.“. Und spätestens ab da ist man der Erzählung verfallen, entwickelt sie einen unerklärlichen Sog, denn das Besondere, das Andy umgibt, das spürt der Zuschauer, und es ist etwas, was ganz tief in Andy verankert und unzerstörbar ist, trotz aller Gewalt, die auch ihm widerfährt.

Der Film zeigt brutale, schlimme Szenen, es geht um Sadismus, Erniedrigung und Qual, aber das alles rückt irgendwann in den Hintergrund, dann nämlich, wenn sich der Film unaufhaltsam auf seinen Höhepunkt zubewegt, dann geht er so richtig unter die Haut. Und dann berührt er tief in unserem Inneren etwas, von dem wir vielleicht gar nicht wussten, dass es da ist.

Anmerkungen:

Viktor E. Frankl, … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager., 7. Auflage 2015, erschienen bei Kösel, München.

Die Verurteilten („The Shawshank Redemption“) von 1994, DVD 2007.

 

Advertisements

One thought on “Resilienz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s