New York

Wie diese Stadt beschreiben, über die alles gesagt, geschrieben, gedichtet ist? Wie Worte finden, ohne sich in Klischees zu verheddern, Phrasen zu dreschen, geht das überhaupt?

Vielleicht so: Alles ist anders und doch ist nichts fremd. Der Dampf steigt auf aus den U-Bahn-Schächten, immer wieder Sirenen, seit Kindheit vertraut aus unzähligen amerikanischen Serien. Schritte auf grauem Asphalt, die Straßen wogen von West nach Ost, ziehen von Nord nach Süd, werfen Falten, befreien den Blick im Häusermeer. Dankbares Schachbrett. Menschen schieben sich, ziehen mit und lassen los, zweigen ab, verlieren sich, Ampeln als Indizien für korrektes Verhalten, entscheiden tut jeder selbst.

Unbeobachtet, jederzeit. Grüne Haare, gelbe Haare, Plateaus bis zum Knie, egal. Ganzköperanzug, Farbe am Körper, enge Hosen, weite Hosen, egal. Tiefer noch als anderswo, ein Einsinken, Versinken in Anonymität. Alles schon gesehen, in Reportagen, in Kinofilmen, der einzelne Besondere austauschbar, aber immer als Einzelner besonders, anders, aber nicht fremd.

Die angesagten Viertel, West Village, Meatpacking, Soho, Greenwich Village, europäisch anmutend, da wo die Stadt geschrumpft scheint und der Kopf mit dem Normalmaß der Gebäude nicht überfordert ist, Täler zwischen dem Financial District an der Spitze Manhattans und den Hochhäusern Richtung Central Park, den bekannten, Empire State, Chrysler, Rockefeller, Trump Tower und wie sie alle heißen, klingende Namen, manche in die Jahre gekommen, alles anders und doch nichts fremd.

Die Museen und die besonderen Orte, das MoMa, die Met, Carnegie Hall, Madison Square Garden, Radio City Music Hall, Gospel in Harlem, auch das Namen, die hunderte Male gefallen sind, bekannt, die Straßenzüge aus rotem Sandstein mit Treppenaufgängen zur Haustür, Feuerleitern, überall: alles anders und doch nicht fremd, und wenn es nicht direkt hier original gefilmt wurde, dann zumindest nachgebaut in Hollywoods Filmstudios an der Westküste, bei Universal, zum Beispiel.

Und so macht sie es uns manchmal nicht leicht, diese Stadt, New York, Manhattan, sie ist schnell und laut und geschäftig und bietet unerschöpflich viel, alles anders, aber doch nicht fremd. Da kann es passieren, dass der Reisende heimfliegt mit einem Hauch von Leere, das soll es also gewesen sein, groß, ja, überwältigend, ja, vielleicht auch atemberaubend, aber es fühlt sich nicht neu an, komisch, was also nehme ich mit.

Doch manch einem ist er vergönnt, der eine, der mystische Moment, an einem ruhigeren Ort vielleicht, etwa im Bryant Park hinter der New York Library, die Geräusche der Stadt noch da, der Mensch sich aber besser aufgehoben fühlend, oder am See im Central Park, sonntagsmorgens, wenn frühe Jogger ihre Runden drehen und auch diese Stadt ihr Tempo erst langsam wieder aufnimmt. Der eine Moment, in dem alle im Kopf mitgebrachten Bilder und Fotos und Szenen ins Herz rutschen und sich vereinen mit dem realen Augenblick, dem Da-Sein an diesem Ort, und man ungläubig diesen Moment betrachtet. Und das ist der Moment, in dem sich ein tiefer Seufzer löst, endlich.

 

 

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One thought on “New York

  1. Caroline Gilles

    Was für eine schöne Beschreibung eines diffusen Gefühls, das ich auch kenne: manchmal klappt es, manchmal nicht, dass einem die Bilder einer bereisten Stadt ins Herz rutschen. Liebe Annette, Glückwunsch zu Deinen wunderbaren Texten. Habe bei dem ein oder anderen Gänsehaut bekommen.

    Gefällt 1 Person

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