Wer die Nachtigall stört…

Es ist ein Buch, das viele kennen, ein amerikanischer Klassiker aus dem Jahre 1960, häufig Schullektüre, und jetzt, nach so vielen Jahren mit einer überarbeiteten deutschen Übersetzung neu aufgelegt: „Wer die Nachtigall stört…“ von Harper Lee. Es überrascht von Anfang an, so beiläufig und leicht ist es geschrieben, erzählt vom Leben der anfangs sechs- später achtjährigen Scout, ihres Bruders Jem und ihres Vaters Atticus Finch, der Witwer ist und Rechtsanwalt und alleine sorgt für seine beiden Kinder mit Hilfe der Farbigen Calpurnia. Scout erzählt aus ihrer Sicht, der Sicht des kleinen Mädchens, aber man hört Harper Lee heraus, die Erwachsene, denn manchmal zeigen Scouts Wahrnehmungen einen zu großen Überblick über ihre Welt, eine zu große Weitsicht, die es dem erwachsenen Leser leicht machen, der Erzählung freudig zu folgen, die zu einem kleinen Mädchen aber nicht ganz passen.

In den ersten Sätzen schon wird Jems Unglück mit dem Arm erwähnt, man versteht es nicht, und es braucht fast 450 Seiten, um es zu verstehen, Seiten, die wie im Fluge vergehen, die Erzählung plätschert leicht dahin, erzählt vom täglichen Leben, dem Schulbeginn, dem geheimnisvollen Boo Radley und anderen Nachbarn in der kleinen Provinzstadt Maycomb in den Südstaaten der USA.

Faszinierende Charaktere tummeln sich im Buch: zum Beispiel der kleine Ferienfreund Dill, der Scout und Jem im Sommer besucht, ein Junge mit großem Freiheitsdrang, endlosen Ideen und einer überbordenden Fantasie, aber im Grunde zutiefst traurig mangels echten elterlichen Interesses an ihm. Interpretationen vermuten, dass Harper Lee in dieser Figur ihren engen Freund Truman Capote verewigt hat, den Truman Capote, dem sie bei den Recherchen zu „Kaltblütig“ half;  man mag es kaum glauben, so dramatisch unterschiedlich sind die Sujets dieser beiden Bücher. Oder Mr. Dolphus Raymond, nur eine Randfigur gegen Ende des Buches, aber mit großem Augenzwinkern und Tiefsinn gezeichnet. Er stammt aus einer der ältesten örtlichen Familien, hat eine farbige Frau und mit ihr Kinder, gilt als hoffnungsloser Trinker und offenbart in einem herrlichen Gespräch mit Scout und Jem: “ ‚(…) Ganz unter uns, kleine Miss Finch, ich bin kein Trinker, aber weißt du, sie könnten nie und nimmer verstehen, dass ich nur deshalb so lebe, weil ich so leben will.‘ “ (S. 319). Oder die alte, kranke und zänkische Mrs. Dubose, deren Kamelien Jem nach einer gemeinen Provokation aus Wut zerstört und deswegen zum Vorlesen verdonnert wird, Vorlesestunden, deren Bedeutung Jem nicht ermessen kann und auch der Leser erst im Nachhinein versteht. Oder die standesbewußte Tante Alexandra mit ihrem Hang zu gesellschaftlichen Formalitäten, oder, oder.

Aber von allen Charakteren ist es der Vater Atticus, der dieses Buch und seine Kinder prägt, auch wenn über ihn zunächst fast nebenbei erzählt wird, eben so, wie ein Kind einen liebevollen Vater wahrnimmt: er ist einfach da. Atticus ist ein besonderer Mensch: ein fürsorglicher Vater, geduldig, wohlwollend und zugeneigt gegenüber seinen Kindern, etwas steif, aber verantwortungsbewusst, gebildet und mit ehernen Prinzipien der Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Toleranz, der Sätze sagt wie “ ‚Sie sind durchaus berechtigt, so zu denken, und sie können auch verlangen, dass wir ihre Meinung respektieren. Aber bevor ich mit anderen leben kann, muss ich mit mir selber leben. Das Einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen.‘ „ (S. 170). Und so ist es dieser Atticus, der dem Buch Aktualität verleiht, indem er den Leser anregt, sich mit ihm und seinen zeitlosen Werten zu beschäftigen, dieser Atticus, der ganz am Ende seine eigenen Prinzipien in Frage stellen und sich entscheiden muss, aus Gründen der Menschlichkeit.

Aber bevor es dazu kommt, findet ab der Mitte der Erzählung ein Aufsehen erregender Prozess statt: Der farbige Landarbeiter Tom Robinson wird beschuldigt, eine weiße junge Frau vergewaltigt zu haben. Atticus verteidigt diesen Landarbeiter, und dafür muss er sich rechtfertigen, vor der ganzen Kleinstadt, aber auch vor seinen Kindern. Der Ausgang des Prozesses zur damaligen Zeit im rassistisch geprägten Maycomb scheint klar, der Farbige muss verurteilt werden unabhängig von seiner Schuld, doch es gelingt Atticus, sich aufzubäumen gegen diese Zwangsläufigkeit; über das Ergebnis seiner Bemühungen handelt das gute letzte Drittel der Erzählung.

Für mich ist die stärkste Szene des Buches der Abend vor Prozessbeginn, als die Stimmung zu kippen droht und eine enthemmte Meute zu allem bereit ist. Auch in dieser dichten, bedrohlichen Szene geht es um Grundsätzliches, wenn Scout erzählt: „Atticus hatte gesagt, es sei höflich, mit den Leuten über Dinge zu reden, für die sie sich interessieren, und nicht über Dinge, die einen selbst interessieren.“ (S. 245) „(…) Ringsum herrschte Totenstille.“ (S. 246).

Und so ist „Wer die Nachtigall stört…“ ein zeitloses Manifest der Menschlichkeit. Oder einfach nur ein zauberhaftes Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen will.

 Anmerkungen:

Harper Lee, Wer die Nachtigall stört, Neuausgabe, 3. Aufl. August 2015, erschienen bei Rowohlt.

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