Psychologischer Popsong

Hilfe!

Um es vorweg zu nehmen, ein Geständnis: ich mag sie, alle, drehe das Radio im Auto so laut, dass die Rückbank aufschreit, oder ehrlicher: ich würde das Aufschreien hören, wäre das Autoradio nicht so laut, ich gröle mit, ok, irgendetwas setzt aus. Aber dennoch: Hilfe! Man wird sich ja mal Gedanken machen dürfen. Was ist los im chartfähigen deutschen Popsong, warum komme ich mir vor wie auf der Couch oder wie im Buchladen bei „Ratgeber, Lebenshilfe“, warum finde ich alle aktuellen psychologischen und pseudopsychologischen Themen geballt in meinen Ohren wieder. Identität, Intuition, Selbstfindung, einfaches Leben, Ballast loswerden, alles hinter sich lassen und das seit Wochen, nein, Monaten.

War der erste in der Reihe „Au Revoir“, die Hymne der Middle Ager, der Midlife-Crisis- Geschüttelten, Seitensprung ist out, einfach Abhauen ist in, noch mal von vorne anfangen, Tränen in den Augen, Zeitgeist. Oder war das schon „Nur mal kurz die Welt retten“, über das wir gleichzeitig lachen und weinen konnten, so sehr traf es den Nerv der Zeit, sich lustig machen, wie blöde muss man sein und gleichzeitig das Vibrieren des Smartphones spüren, das wieder ruft nach Tätigkeit, als ob jeder Normalo am offenen Herzen operieren oder ein DAX-Unternehmen leiten würde.

Und wenn das Weglaufen gerade nicht geht, dann zumindest erleichtert und befreit weitermachen, Ballast abwerfen, in Zeiten von erwerbbaren Abreißkalendern für das Entrümpeln von Wohnung, Kleiderschrank und Ich geradezu zwangsläufig: „Leichtes Gepäck“, 99% brauche ich nicht und den Rest ordne ich nach Wichtigkeit. Wie schön, dass es etwas gibt, das beim eigenen Ordnen und Priorisieren hilft und auch sonst im Wust gesellschaftlicher Normen und Erwartungen; es steigt fast zeitgleich in unser Ohr und klammert sich fest, die „Stimme“ ist es, auch Intuition genannt, Bauchgefühl, das, was sich nicht beweisen lässt, „also hör, was sie dir sagt“.

Der „Astronaut“ gehört natürlich auch dazu, er entsteigt einer grauen und unmenschlichen Welt und macht sich von ferne Gedanken, Gedanken, über eine Gesellschaft, oder gar Menschheit, die gar nichts mehr spürt und für die der Zug längst abgefahren ist. Kann da noch jemand aufrichten, das leicht depressive Sinnieren stoppen, mindlifting machen, Hoffnung zurückgeben? Klar, „Name drauf“, bei sich selbst sein, sein Ding machen, aufstehen, weitermachen, denn „am Ende hinterlässt du dem Rest der Welt das für was du stehst nicht wegen was du fällst.“

Wow. Und puh. War das schon immer so? Gut, es gab immer schon Grönemeyer, den Großen, der wortkarg und ausdrucksdicht Tiefsinniges in die Welt rief, so, dass es kaum jemanden unberührt ließ. Aber bitte, da ging es um Currywurst, Bochum und Einzelschicksale, vordergründig zumindest, nur einmal, da ließ er uns ganz nah an sich heran, so nah, dass die Nation im Rausch verglühte, durch „Mensch“, und nichts als Gänsehaut zurückblieb. Aber sonst? Die anderen Songs, so überwiegend? Liebe, Freundschaft, Partnerschaft, das Ich, das sich allenfalls am Du misst. Die üblichen Irrungen und Wirrungen halt.

Also ist es doch eine Tendenz, ein Spiegel des Zeitgeistes, ein kollektives die-Nase-voll-Haben, der unaufschiebbare Änderungswunsch, das Ich unter dem Mikroskop, 1000fach vergrößert, wer bin ich, was tu ich, was kann ich tun, damit es mir besser geht. Psychologie und omnipräsente Selbstverfeinerung, im Buchladen genauso wie im Radio, psychologischer Popsong, und der steigt regelmäßig ganz hoch in den Charts so wie Ratgeberlektüre den Markt überschwemmt, also: ein Massenphänomen.

Ja, und was bringt das jetzt? Der deutsche Popsong als Abbild unserer Gesellschaft, zumindest der fortysomethings? Mitten unter uns angekommen, mit uns gereift wie guter Käse oder guter Rotwein oder eine andere dieser faden Metaphern fürs Reifen und Altern? Ewige Selbstbespiegelung, Therapie durch Musik oder Visionen fürs Ich? Gar Ursachenforschung, warum brauchen wir das?

Wisst Ihr was, ich weiß es nicht. Nur hören tu ich es unnormal gerne.

Anmerkungen:

Songs und Interpreten:

„Au Revoir“ von Mark Forster

„Nur mal kurz die Welt retten“ von Tim Bendzko

„Leichtes Gepäck“ von Silbermond

„Stimme“ von EFF

„Astronaut“ von Sido feat. Andreas Bourani

„Name drauf“ von Die Fantastischen Vier

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