Wassermusik

Lasst uns auf einen Trip gehen. Lasst uns in Sprache eintauchen, so ungeheuerlich und unbändig, wie lange nicht gelesen, lasst uns mitfiebern mit Carakteren, so gaga und sonderlich und lebendig, wie kaum je einem Buch entsprungen, lasst uns mit offenem Mund lesen und den Kopf schütteln, lasst uns die Zeit haben für 570 Seiten einer aberwitzigen Geschichte und irren Wendungen, lasst uns herbeisehnen, dass das aufgeblasene Großmaul ohne nennenswerte Fähigkeiten, diese Niete, endlich auffliegt, lasst uns hoffen, dass der kleine Ganove doch noch sein Stück Gerechtigkeit erfährt, in seinem Leben und in diesem Buch, lasst uns lesen „Wassermusik“ von T.C. Boyle.

Das Erstlingswerk von Boyle, neu erschienen in einer Neuübersetzung 2014, es läuft über an allen Ecken, ist fulminant und opulent und was einem noch so alles an lautmalenden Fremdwörtern einfällt, wenn Mensch etwas liest und das Gefühl hat, er steht zu nah am Bahnsteig, ein Schnellzug rast vorbei, der Zugwind so stark, dass er wankt, sich aber gerade noch halten kann, schon ist der Zug vorüber, und er atmet tief durch und fragt sich, was war denn das. Erzählt wird die Geschichte des Schotten Mungo Park, der als erster Weißer den Verlauf des Niger erkunden soll, zwei Forschungsexpeditionen dorthin unternimmt, blauäugig und blind agiert, aber immer wieder Glück hat und zum Glück obendrauf seinen fähigen farbigen Assistenten Johnson, den Feingeist. Parallel zur ersten Afrikareise tritt in England Ned Rise auf, der Kleinganove, der von Anfang an keine Chance hat, diese aber gewitzt und durchtrieben nutzt, Stehaufmännchen und Leichenfledderer, der sich durchschlägt und von der Liebe überwältigt wird, der in aller Ungehobeltheit dem Leser sympathisch ist, dem man alles Glück dieser Welt wünscht.

In beiden Erzählsträngen, die sich irgendwann im letzten Drittel vereinen, lässt er kaum Zeit zum Durchschnaufen, dieser Boyle, und bombardiert mit Charakteren, einer denkwürdiger als der andere. Da ist Dassoud, der farbige Sohn eines Berbersultans, der menschgewordene Hulk, der Beißer, der nicht ablässt und mit übermenschlichen Kräften Mungo Park verfolgt. Oder Ailie Anderson, die eigensinnige und wissensdurstige Frau, die ausharrt und auf Mungo Park wartet, obwohl sie ihn eigentlich auf den Mond schießen sollte, oder Fanny Brunch, das unglückliche Dienstmädchen mit dem absurden Schicksal, und immer wieder Mungo Parks Assistent Johnson, intelligent, besonnen, umsichtig und doch tagelang mit einem verwesenden und bröckelnden Hühnerskelett am Hals, aus Aberglauben.

Es sind zwei Kapitel, die in England spielen und im Vergleich mit den teilweise überbordenden und saftigen Schilderungen aus Afrika eher schlicht daherkommen, die für mich hervorstechen und in Erinnerung bleiben, nämlich diejenigen, die Ned Rise‘ Geschichte dort einrahmen: „Weder Twist noch Copperfield, ja nicht einmal Fagin“ (S. 53 ff.), das von Geburt und Aufwachsen erzählt und „Väter und Söhne“ (S. 369 ff.), in dem Ned Rise noch einmal mit seiner Lebensgeschichte konfrontiert wird, nicht zum letzten Mal, diese Kapitel wirken unterschwellig unheimlich, es gibt kein Entkommen in dieser Zeit, in dieser Schicht, das hat etwas sehr Eindringliches, Bohrendes, und Neds Aufbruch nach Afrika ist schließlich zwangsläufig. Und dann auch herrlich, inmitten der ersten Afrikareise, die elegante und beiläufige Schilderung des Nilkrokodils, einer wissenschaftlichen Abhandlung gleich, und all ihre fatalen Folgen (S. 196 ff.).

Aber was wirklich zählt und der wichtigste Grund, dieses Buch zu lesen, das ist die Sprachgewalt Boyles, sein enormer Wortschatz, sein wortgewaltiges und dennoch lapidares und damit auch humorvolles und leichtes Erzählen, das sich nie um sich selbst dreht, sondern immer der Geschichte und ihrem Fortgang dient, das muss man mögen, dann ist es höchster Genuss.

Dann gilt: Lasst uns auf einen Trip gehen. Die einzige Nebenwirkung: Grandiose Unterhaltung.

Anmerkung:

T.C. Boyle, Wassermusik, neu aufgelegt Februar 2014, erschienen im Carl Hanser Verlag.

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