Trauer

Ich bin tieftraurig. Ich fühle mit den Familien, die ihre Töchter und Söhne, ihre Mütter und Väter, Schwestern und Brüder verloren haben, brutal und unvorhersehbar herausgerissen und zerstört, die auf einmal stehen erhellt im Blitzschlag der Geschichte, in dem sie nie stehen wollten, um dann wieder zu versinken in einer Dunkelheit, schwärzer als jemals zuvor. Ein Tunnel, so lang wie ein Leben.

Macht weiter wie bisher, sagen diejenigen, die nur mit drei Bodyguards das Haus verlassen, lasst Euch den Spaß nicht verderben, sagen diejenigen, die davon profitieren. Wir müssen nichts fürchten außer der Furcht, sagte Franklin D. Roosevelt, und da ging es um noch mehr, da ging es um Krieg.

Doch für den Moment, die Toten bringt es nicht zurück, die Verletzten sind beschädigt, an Körper und Seele, unendliches Leid für so viele.

Ich fühle mit. Ich bin tieftraurig.

* anlässlich der Anschläge von Brüssel am 22.03.2016

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Bull Mountain

Wahrscheinlich ist es ein Männerbuch. Wahrscheinlich auch nichts für ganz zarte Nerven, denn getötet wird auch, manchmal recht fies. Wohl deshalb wird es beworben mit markigen Sprüchen, Bruder gegen Bruder im drogenverdammten Süden (James Ellroy), gefühlt ist es zumindest ein wilder Atmosphärenmix aus Jerry Cotton und ein bisschen Breaking Bad, Sonne im Rücken, die große Aufgabe zu erledigen, Gut gegen Böse, ein paar Frauen mischen auch mit, nicht unwesentlich übrigens. Aber eins vor allem: spannend. Und packend geschrieben, nicht umsonst bringt ausgerechnet der Suhrkamp Verlag die deutsche Erstausgabe heraus.

Kain und Abel in Georgia, es geht um die letzten Überlebenden der seit drei Generationen illegal agierenden Borroughs-Familie, Schwarzgebrannter, Hasch und Crystal Meth sind die Geschäftsgrundlagen, verteidigt mit illegal hergestellten Waffen, im großen Format. Zwei von drei Brüdern sind noch übrig, der Böse, Halford Borroughs, der dem kriminellen Clan vorsteht, und der Gute, Clayton Borroughs, der die Seiten gewechselt hat, als er Sheriff wurde. Ein zwielichtiger Bundesagent, Simon Holly, nimmt Kontakt auf zu Clayton Borroughs, will ihn gewinnen, um seinem Bruder Halford das Handwerk zu legen, aber auch, um diesen aus der Schusslinie zu nehmen, denn es geht um noch ein paar weitere Kriminelle in Florida, auf die Holly es außerdem abgesehen hat.

Die Erzählung springt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her, jedes Kapitel freundlicherweise entsprechend überschrieben, auf eine Hauptperson gemünzt und mit Jahreszahl versehen, es fällt leicht, alles einzuordnen, und so fügen sich nach und nach Vergangenheit und Gegenwart zu einem Gesamtbild. Mich beschlich beim Lesen die Vorstellung, dass es gut verfilmt werden könnte mit gleich den passenden Schauspielern vor Augen, Brad Pitt natürlich, wahlweise gut oder böse, und unbedingt auch Matthew McConaughey, so authentisch und ernsthaft, wie er in der ersten Staffel von True Detective eine Meisterleistung vollbrachte, er wäre ein guter Simon Holly.

Dieses Erstlingswerk ist flüssig und einnehmend geschrieben, verlangt keine großartigen Verständnisleistungen, lässt sich nett weglesen und unterhält dabei diejenigen, die der ein oder andere Tote nicht stört. Ausgerechnet im Showdown am Ende gibt es einen Flüchtigkeitsfehler, wenn Colt, Waffe und Gewehrlauf verwechselt werden (S. 311/312), aber das lässt sich ausmerzen in der nächsten Auflage; dem Vernehmen nach schreibt der Autor auch schon an einer Fortsetzung.

Bull Mountain, let’s rock it.

Anmerkungen:

Brian Panowich, Bull Mountain, 2016, erschienen im Suhrkamp Taschenbuch Verlag.

 

Freddie Mercury

Ich war und bin noch nicht einmal ein ausgesprochener Fan von Freddie Mercury, wohl auch, weil ich nie umfassend in mich hineingehorcht habe, ob das so sein könnte, aber ich bin mit seiner Musik aufgewachsen, das muss reichen, und es gab Momente im vergangenen Jahr, da empfand ich Wehmut und ein schweres Herz, wenn ich an ihn dachte, denken musste, ausgelöst durch andere Nachrichten: Charlie Sheen hat eine Chance, Freddie Mercury hatte keine.

Die Tanzhommage an Queen, seit Jahren immer wieder im Programm des Aalto-Theaters in Essen, tat dann noch ihr übriges, eine famose Werkschau, jeder einzelne Song ein Hit, unverwechselbar und nicht austauschbar, also echter Stil, prägend für seine Zeit und an sie gebunden, und zeitlos. Im Aalto gepaart mit lockendem, starkem Tanz und spürbarem Herzblut, einem Füllhorn an Lebendigkeit und Bewegung, und immer wieder Fotos und Videos von ihm in Aktion, Freddie Mercury. I want to break free, Another one bites the dust, Who wants to live forever, The Show must go on, Bohemian Rhapsody, Radio Ga Ga und, und… und natürlich We are the Champions, dank einfachster Zeilen und betörend eingängiger Melodie ganz große Kunst, der Höhepunkt, Rausschmeißer zahlloser Parties, bei denen alle sich noch im Olymp wähnten, und unerschöpfliche Mutter aller Sporthymnen.

Dieser Freddie Mercury, markant und präsent, mit seiner provozierenden, vibrierenden Männlichkeit, seht her, da bin ich, und jetzt nehmt mich, wie ich bin. Der Preis war hinterhältig hoch und heimtückisch. Unvorhersehbar. Endgültig. Nicht zuletzt deshalb waren die Endachtziger, Anfangneunziger Jahre diejenigen Jahre, in denen sich ein kollektives Bewusstsein entwickelte für HIV, das Todesurteil. Jahre, in denen ein Film wie Philadelphia oskargekrönt anprangerte und betroffen machte, und der heute erscheint wie aus einer anderen Zeit katapultiert, keine fünfundzwanzig Jahre später.

Ganz offensichtlich ist in diesen Jahren viel passiert, wahrscheinlich lässt sich ein mörderisches Virus doch besser eingrenzen und gezielter beforschen als die mannigfaltigen Ursachen anderer chronischer oder tödlicher Krankheiten. Denn erstmalig mit den Nachrichten um Charlie  Sheen rückte es in das allgemeine Laienbewusstsein, nicht heilbar, aber beherrschbar, Viren im Blut, ja, aber unterhalb der Nachweisgrenze und damit nicht mehr per se ansteckend, wenn entsprechend und frühzeitig behandelt. Nur dann. Und kaum ist diese Information verdaut, die nächste wissenschaftliche Sensationsmeldung, beherrschbar, und vielleicht doch irgendwann heilbar, vielleicht in zehn, fünfzehn Jahren, Beherrschung und Heilung natürlich nur möglich mit schwersten Medikamenten, lebenslang, Nebenwirkungen auf lange Sicht ungewiss.

Das macht mich schwindelig, und daran muss ich denken, wenn ich Nachrichten lese zu diesem Thema oder Fotos sehe von Freddie Mercury oder die Musik höre, bei welcher Gelegenheit auch immer. Und ich vernehme die Vorwürfe, einen großen, außergewöhnlichen Musiker auf HIV zu reduzieren, seinen letzten großen Kampf, den er ja gar nicht mit der Öffentlichkeit geteilt hat, aber so ist das im Gemenge der individuellen Erinnerungen, sie mischen sich rein subjektiv, manchmal weder ausgewogen noch politisch korrekt, und so ist es auch wieder nicht mit den individuellen Erinnerungen, denn es ist der Mensch Freddie Mercury, um den noch einmal verspätete Trauer aufkommt, stellvertretend für viele andere, die starben, bevor Hilfe möglich war, nicht zuletzt auch Kinder.

Charlie Sheen hat eine Chance, Freddie Mercury hatte keine. Himmel, ein Schnupfen wird es nie sein.

 

Jahr des Roten Feuer-Affen

Glaubt hier zufällig jemand an Horoskope? Nein, ganz überwiegend wohl nicht, vielleicht früher, vor Urzeiten mal, in Phasen der Selbst- und Fremdfindung, wenn überhaupt, rückwirkende Legitimation durchknutschter Nächte mit dem Falschen, aber heute, keine Zeit, keine Lust, alles Unfug.

Es sei denn… es sei denn, ein Horoskop stellt sich als gewaltiger, zusätzlicher Motivationsschub dar, zu verwirklichen, was lange geplant und immer aufgeschoben wurde, wilde Ideen, abseitiges Tun, Denken quer zum Gewohnten, Balken fort bewegen von der Stirn, kurz, ein Horoskop, das nichts vorgibt und vorhersagt, sondern zusätzliche Wege eröffnet, den letzten Kick gibt für das, was man immer schon tun wollte.

Das Jahr des Roten Feuer-Affen, das könnte so ein Motivationsimpuls sein, es richtet sich nach dem chinesischen Kalender, dauert vom 08. Februar 2016 bis 27. Januar 2017, das letzte war 2004, das nächste erst wieder 2028, also lohnt ein kurzer Blick auf das, was es bringen kann, vielleicht ist es ja der letzte Anschub, etwas Neues zu wagen.

Das kann man sich ja ganz gut vorstellen, wie so ein fröhliches und keckes Äffchen den Urwald aufmischt, die Affen rasen durch den Wald und King Louie steppt dazu, da ist was los im Dschungel, oder eben im Jahr, und dann gleich doppelte Dynamik, rot und Feuer, das kann alles durcheinander bringen. Aber im positiven Sinne: als Anschub, als Antrieb, als Funke, als Katalysator, lang Aufgeschobenes, aber nie ganz Weggeschobenes doch noch umzusetzen. Neue Inspiration, den Weg freimachen, für Neues oder die Rückkehr zum Alten, Flexibilität ist erforderlich, die hat das Äffchen, immer in Bewegung, ja auch, Überraschungen nicht ausgeschlossen.

Die eine große Weltreise. Die Tour durch Island, durch Nepal oder die Anden. Sinnvoll helfen. Ein Unternehmen gründen oder eine Familie oder einen Verein. Chinesisch lernen. Wellenreiten auf Hawaii. Also irgendeines dieser Sehnsuchtsziele, die jeder für sich im Herzen herumträgt, die individuell unterschiedlich und unergründlich sind, egoistisch oder altruistisch, die auf einmal aufscheinen als Herzenswunsch und sich festsetzen und die sich in keinem Buch finden mit Orten, die man gesehen haben muss oder Dingen, die man getan haben muss, einmal in diesem Leben.

Natürlich, manchmal macht so ein Äffchen viel Lärm um nichts. Aber auch dann hat es seinen Spaß dabei. Weil es nicht stehen bleibt. Sondern unbekümmert weiterschwingt.