Freddie Mercury

Ich war und bin noch nicht einmal ein ausgesprochener Fan von Freddie Mercury, wohl auch, weil ich nie umfassend in mich hineingehorcht habe, ob das so sein könnte, aber ich bin mit seiner Musik aufgewachsen, das muss reichen, und es gab Momente im vergangenen Jahr, da empfand ich Wehmut und ein schweres Herz, wenn ich an ihn dachte, denken musste, ausgelöst durch andere Nachrichten: Charlie Sheen hat eine Chance, Freddie Mercury hatte keine.

Die Tanzhommage an Queen, seit Jahren immer wieder im Programm des Aalto-Theaters in Essen, tat dann noch ihr übriges, eine famose Werkschau, jeder einzelne Song ein Hit, unverwechselbar und nicht austauschbar, also echter Stil, prägend für seine Zeit und an sie gebunden, und zeitlos. Im Aalto gepaart mit lockendem, starkem Tanz und spürbarem Herzblut, einem Füllhorn an Lebendigkeit und Bewegung, und immer wieder Fotos und Videos von ihm in Aktion, Freddie Mercury. I want to break free, Another one bites the dust, Who wants to live forever, The Show must go on, Bohemian Rhapsody, Radio Ga Ga und, und… und natürlich We are the Champions, dank einfachster Zeilen und betörend eingängiger Melodie ganz große Kunst, der Höhepunkt, Rausschmeißer zahlloser Parties, bei denen alle sich noch im Olymp wähnten, und unerschöpfliche Mutter aller Sporthymnen.

Dieser Freddie Mercury, markant und präsent, mit seiner provozierenden, vibrierenden Männlichkeit, seht her, da bin ich, und jetzt nehmt mich, wie ich bin. Der Preis war hinterhältig hoch und heimtückisch. Unvorhersehbar. Endgültig. Nicht zuletzt deshalb waren die Endachtziger, Anfangneunziger Jahre diejenigen Jahre, in denen sich ein kollektives Bewusstsein entwickelte für HIV, das Todesurteil. Jahre, in denen ein Film wie Philadelphia oskargekrönt anprangerte und betroffen machte, und der heute erscheint wie aus einer anderen Zeit katapultiert, keine fünfundzwanzig Jahre später.

Ganz offensichtlich ist in diesen Jahren viel passiert, wahrscheinlich lässt sich ein mörderisches Virus doch besser eingrenzen und gezielter beforschen als die mannigfaltigen Ursachen anderer chronischer oder tödlicher Krankheiten. Denn erstmalig mit den Nachrichten um Charlie  Sheen rückte es in das allgemeine Laienbewusstsein, nicht heilbar, aber beherrschbar, Viren im Blut, ja, aber unterhalb der Nachweisgrenze und damit nicht mehr per se ansteckend, wenn entsprechend und frühzeitig behandelt. Nur dann. Und kaum ist diese Information verdaut, die nächste wissenschaftliche Sensationsmeldung, beherrschbar, und vielleicht doch irgendwann heilbar, vielleicht in zehn, fünfzehn Jahren, Beherrschung und Heilung natürlich nur möglich mit schwersten Medikamenten, lebenslang, Nebenwirkungen auf lange Sicht ungewiss.

Das macht mich schwindelig, und daran muss ich denken, wenn ich Nachrichten lese zu diesem Thema oder Fotos sehe von Freddie Mercury oder die Musik höre, bei welcher Gelegenheit auch immer. Und ich vernehme die Vorwürfe, einen großen, außergewöhnlichen Musiker auf HIV zu reduzieren, seinen letzten großen Kampf, den er ja gar nicht mit der Öffentlichkeit geteilt hat, aber so ist das im Gemenge der individuellen Erinnerungen, sie mischen sich rein subjektiv, manchmal weder ausgewogen noch politisch korrekt, und so ist es auch wieder nicht mit den individuellen Erinnerungen, denn es ist der Mensch Freddie Mercury, um den noch einmal verspätete Trauer aufkommt, stellvertretend für viele andere, die starben, bevor Hilfe möglich war, nicht zuletzt auch Kinder.

Charlie Sheen hat eine Chance, Freddie Mercury hatte keine. Himmel, ein Schnupfen wird es nie sein.

 

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