Ambivalenz

Ambivalenz, die: Zwiespältigkeit, Spannungszustand, Zerrissenheit [der Gefühle und Bestrebungen]. (aus: Online-Duden, s.u.)

Es ist das Schicksal meiner Generation, nicht Fisch, nicht Fleisch zu sein, ambivalent also, zwiegespalten, die Generation, für die der Begriff des „Flexitariers“ erfunden wurde und die Faßbrause. Von allem etwas, aber von nichts alles. Wir haben Kinder und arbeiten und lassen unseren Kindern alle Freiheiten. Um dann nach den Grenzen zu suchen, ihren und unseren, zum Wohle aller. Wir arbeiten viel, sehr viel und manchmal auch zu viel. Um uns dann in östliche Entspannungstechniken und indianische Weisheiten zu kuscheln, auf dass uns der westliche Streß nicht über die Bettdecke laufe. Von allem etwas, aber von nichts alles, das aber richtig.

Wir sind die zweite Generation nach dem Krieg, untersucht und begutachtet als „Kriegsenkel“* und leben so lange in Frieden und Wohlstand, wie kaum eine Generation zuvor. Und sind die Generation, deren Körper angesichts einer nie dagewesenen Nahrungs- und Geschmacksvielfalt Laktose-, Gluten- und Histaminunverträglichkeiten für sich entdecken. Wir sympathisieren mit der veganen Küche, die fast alles weglässt außer Gemüse, Früchte und pflanzliches Fett oder staunen über die Steinzeitdiät, die fast alles weglässt außer Fleisch, Beeren und Nüsse. Wir haben alle Möglichkeiten und Erkenntnisse, uns sorgfältig und gesund zu ernähren und angemessen zu bewegen und züchten Diabetes, Kreislauferkrankungen und Rückenbeschwerden in kaum erlebtem Ausmaß.

Wir jetten um die Welt und trennen zu Hause den Müll, für die Umwelt. Und überhaupt, Politik? Wir leben seit über zehn Jahren immer wieder mit großen Koalitionen, staunen immer noch über Merkels Beharrlichkeit und bewundern Kretschmann für seine lebendige Authentizität. Schwarz-grün, ehemalige Atomkraft-ja und aktueller Ausstieg in einer Regierung? Klar. Gibt es da noch eine Linie, die man im politischen Spektrum zuordnen kann? Egal. Der Kompromiss zählt, von allem etwas und von nichts alles.

Wir sind aufgewachsen mit drei Fernsehkanälen, schwarz-weiß und ohne Fernbedienung und tanzen heute mit unseren Smartphones den globalen Walzer. Und sie wären nicht so einfach zu bedienen, gäbe es unsere Generation nicht, denn die nächste Generation bedient sie schon im Schlaf, da dürfte es ruhig etwas schwieriger sein. Dafür wildern wir in deren Kleidungsrevier, mit großem Vergnügen. So stolpern halbergraute Kunden mit Gleitsichtbrille durch Dunkelheit und Düfte, um mal was ganz Flottes zu erwerben. Für sich.

Von allem etwas und von nichts alles, ambivalent also. Vielleicht gerade deshalb sind und bleiben wir eine verdammt liebenswerte Generation. Die nur ab und an vergisst, sich wieder auf das rechte Maß einzupendeln. Und sich zu entscheiden.

Anmerkungen:

Die Definition des Begriffs Ambivalenz ist entnommen dem Online-Duden, http://www.duden.de, Verlag Bibliographisches Institut GmbH, unter dem folgenden link: http://www.duden.de/node/741943/revisions/1352908/view.

*vgl. Sabine Bode, Kriegsenkel, 2009, erschienen bei Klett-Cotta.

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Grand Canyon

Wasser. Quell allen Lebens, Lebenselixier, friedliche Kraft, zerstörerische Kraft, formende Kraft, schnick, schnack, schnuck, Wasser schlägt Stein. Von oben betrachtet ist der Colorado River ein Rinnsal, ein Nichts, und doch ist er es, der die Schlucht aller Schluchten erschaffen hat durch schlichte Erosion, wahrscheinlich brauchte er fünf bis sechs Millionen Jahre hierzu. Er hat sich eingefressen in das Colorado Plateau auf einer Länge von 450 Kilometern, bis zu 1800 Meter tief, jährlich fünf Millionen Besucher, Faszination für viele, Grand Canyon.

Auf einmal liegt er da wie eine klaffende Wunde im Gestein, tief und breit und zerfurcht. Wieviele Menschen und Tiere sind wohl in grauer Vorzeit hier heruntergestürzt, in vollem Lauf, in vollem Galopp, keine Möglichkeit mehr abzubremsen. Ungebändigte, erbarmungslose, wildschöne Natur, das ist er auch als Touristenattraktion, kein Disneyland mit Auffangnetzen und Parade, sondern Abgrund pur. Einige hundert Meter mögen umzäunt sein, sonst trennt nur ein kniehohes Mäuerchen Besucherweg und Tiefe, wenn überhaupt. Wanderwege führen hinab, anspruchsvoll, denn am Canyonboden ist es schnell zehn Grad wärmer als oben am Rand. Im Sommer kann das zum Verhängnis werden.

Die Dimensionen sind gewaltig, kein Foto kann darauf vorbereiten, dass Mensch sich schlagartig wie eine Ameise fühlt, winzig, verletzlich und unbedeutend. Der eigene Blick wandert und scannt, bemüht festzuhalten, was sich ihm darbietet. Hilfsweise muss die Kamera herhalten, schnell sind zahllose Fotos gemacht an diesem Ort. Ein verzweifelter Versuch, Gigantisches zu bannen. Unaufgeregtes Schauen, Betrachten, Wirkenlassen führen Schritt für Schritt zu einer Annäherung an dieses Naturwunder.

Die Gesteinsschichten liegen bloß, zeigen das Gesicht unserer Erde über Millionen von Jahren. Das ist die wissenschaftliche Seite. Sonne und Wolken zaubern Schatten und Licht auf die Einschnitte, schaffen immer wieder neue Gemälde. Das ist die ästhetische Seite. Vorsprünge verführen, Steinformationen angeordnet wie Treppen verschleiern, dass es nicht aufwärts geht, sondern steil bergab, wenn der eine Schritt jenseits der Abgrenzung nicht der richtige war. Das ist die fatale Seite. Auch sie ist dokumentiert, Death in Grand Canyon, seit der ersten Expedition 1869 bis heute sind fast siebenhundert Menschen an und in dieser Schlucht zu Tode gekommen. Vielleicht bedient eine solche Dokumentation allfälligen Voyeurismus, vielleicht kann sie aber auch warnen vor dem einen Schritt zu viel oder dem Abstieg ohne Wasser oder schützen vor dem Irrtum, den Fluß dort unten mit seinen Stromschnellen zu unterschätzen.

Der Fluß und das Plateau, Wasser und Stein, David gegen Goliath. Das Ende ist bekannt.

Anmerkung:

Michael P. Ghiglieri und Thomas M. Myers, Over the Edge: Death in Grand Canyon, 2012, erschienen bei Puma Press.

Miteinander

Ein Plädoyer. Oder eine Bestandsaufnahme. Vielleicht auch ein Ratschlag. Oder aber ein Beitrag, mit dem man nichts anfangen kann. Das möge jeder selbst entscheiden, das muss ich jedem selbst überlassen, wenn ich ihn freilasse, diesen Text, denn:

„Solange du dem Anderen sein Anderssein nicht verzeihen kannst, bist Du noch weit ab vom Weg der Weisheit.“

Eine chinesische Weisheit, die oft passt, wenn Menschen im täglichen Miteinander aufeinandertreffen, im ganz persönlichen Lebensumfeld, Partnerschaft, Freundschaft, Familie, Beruf. Es geht um Erwartungen und Enttäuschungen, um die kleinen Macken und Marotten des Alltags, die als anders und damit oft falsch empfunden werden und manch einem dadurch das Leben schwer machen. Da ist die andere Reaktion auf ein Geschenk, die andere Art, die Socken zu drehen, die andere Auffassung von Ordnung, die andere Art der Ablage, der andere Fahrstil, die andere Meinung. All dieses Anderssein kann aufregen wie kaum etwas sonst und sich so summieren zu viel größeren Konflikten. Alles fängt ja mal klein an, jeder, der in der Konfliktlösung tätig ist, weiß das nur zu gut.

Die chinesische Weisheit klingt ganz einfach, verlangt aber dem Verzeihenden viel ab: Das Verzeihen des Andersseins, das ist ein Annehmen jenseits von Bewertungen. Eine Weisheit, die dem Anderen erlaubt, sich in sein „Sosein“ fallen zu lassen wie in ein weiches Kissen, und sich am Angenommensein zu erfreuen. Das ist die eine Seite. Aber diese Weisheit macht auch dem Verzeihenden selbst das Leben leichter, der von allen Erwartungen und Veränderungswünschen ablassen kann, denn ändern kann jeder ohnehin nur sich selbst, wen sonst.

Zwei Aspekte spielen eine wesentliche Rolle: Das Anderssein zu verzeihen, bedeutet nicht, den eigenen Standpunkt aufzugeben. Im Gegenteil. Nur wer zu sich selbst steht, kann anderen mit Großzügigkeit begegnen. Und nicht jede andere Verhaltensweise oder Meinung kann automatisch auf Akzeptanz hoffen. Das geht nur, wenn ein Anderssein im grundsätzlichen Einklang steht mit dem gemeinsamen nationalen Wertekanon, den Gesetzen und ungeschriebenen Normen, auf dem unsere Gesellschaft fußt und der ein friedliches und freiheitliches Miteinander regelt, das wir nicht Tag für Tag neu aushandeln müssen.

Wie wohltuend wäre es, auf dieser gemeinsamen Basis das Anderssein im privaten Alltag individuell zu verzeihen. Dann entspannen sich beide, der Andere und der Verzeihende, und müssen sich nicht den Kopf zerbrechen und Energie vernichten in sinnlosen erst inneren, dann äußeren Gefechten.

Das Anderssein verzeihen. Wellness pur, für alle Beteiligten.

Uluru

Er war schon da, als wir noch nicht waren und wird noch da sein, wenn wir nicht mehr sind. Heilig ist er, dieser Hügel, nicht für die Touristen, aber für diejenigen, die seit zehntausenden von Jahren um ihn herum leben, roter Stein auf rotem Sand, grüne Büsche, als hätte ihn ein Riese aus dem All an diese Stelle geworfen, das muss immer schon beeindruckt haben. Ehrfurcht, die ein Inbesitznehmen ausschließt. So besteigen ihn nur Touristen, Aborigines nie, weil ihr Glaube es ihnen verbietet, aber schlau ist es außerdem, denn da oben kann es lebensgefährlich heiß sein. Brennende Sonne auf blankem Stein, Uluru oder Ayers Rock.

Die Magie dieses Ortes ist auch von unten zu spüren, die Erhabenheit, die Stille, der Wind; man kann ihn sich erlaufen auf dem Fußweg rundherum, ein paar Stunden, für die Wasser unentbehrlich ist. Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge sind wie so oft die Lieblinge der Touristen, Zwischenwelten, die noch mehr rotes Glühen versprechen, allgegenwärtige Postkartenmotive. Doch auch ohne das Spiel der tiefstehenden Sonne strahlt er aus, dieser Inselberg, die rote Farbe, die Hitze des Tages und hunderte Millionen Jahre Geschichte. Und zieht unweigerlich an, hat von Nahem betrachtet mehr Falten und Verwerfungen, als vorher gedacht, denn er ist aus fast senkrechten Gesteinsschichten gebildet und belohnt den Aufbruch ins Nichts allein durch seine stille Existenz, die vor rund 550 Millionen Jahren begann.

Nur wenig weiter, in dreißig Kilometer Entfernung, Kata Tjuta, die Olgas, die zeitgleich entstanden und die aussehen wie der erste missglückte Wurfversuch des Riesen aus dem All. Eine Ansammlung riesiger roter Felsbrocken und Hügel, keiner für sich so groß und erhaben wie der große Bruder Uluru, dafür öffnen sie sich und erlauben die Besichtigung von innen, Wege durch Täler zwischen rotem Stein. Auch hier Stille und Wind und Sonne, in the middle of nowhere, mit etwas Glück fast allein. Und die Meisten führt der Weg danach noch einmal zu Uluru zurück, zu ungewöhnlich ist er, muss das Gedächtnis noch einmal erinnert werden an die Eindrücke, die noch so frisch sind, um sie haltbar zu machen.

Wir wissen nicht, mit welchen Fluggeräten und in welchen Geschwindigkeiten Menschen irgendwann in ferner Zukunft in das Campresort Yulara reisen werden, um sich aufzumachen zu den Steinhügeln in der Wüste. Wir wissen auch nicht, mit welchen Geräten und Bildschirmbrillen sie sich erste Informationen über dieses Naturereignis holen werden, ob sie noch touchen oder nur noch blinzeln und wie überhaupt ihre Welt aussehen wird. Vielleicht werden virtuelle Reisen echte ersetzen und fein vernebelte Glückshormone nebenbei positive Reisegefühle erzeugen. Aber auch dann noch werden Uluru und Kata Tjuta da sein, warten und strahlen und Hof halten. Wundersam berühren. Ganz analog.