Miteinander

Ein Plädoyer. Oder eine Bestandsaufnahme. Vielleicht auch ein Ratschlag. Oder aber ein Beitrag, mit dem man nichts anfangen kann. Das möge jeder selbst entscheiden, das muss ich jedem selbst überlassen, wenn ich ihn freilasse, diesen Text, denn:

„Solange du dem Anderen sein Anderssein nicht verzeihen kannst, bist Du noch weit ab vom Weg der Weisheit.“

Eine chinesische Weisheit, die oft passt, wenn Menschen im täglichen Miteinander aufeinandertreffen, im ganz persönlichen Lebensumfeld, Partnerschaft, Freundschaft, Familie, Beruf. Es geht um Erwartungen und Enttäuschungen, um die kleinen Macken und Marotten des Alltags, die als anders und damit oft falsch empfunden werden und manch einem dadurch das Leben schwer machen. Da ist die andere Reaktion auf ein Geschenk, die andere Art, die Socken zu drehen, die andere Auffassung von Ordnung, die andere Art der Ablage, der andere Fahrstil, die andere Meinung. All dieses Anderssein kann aufregen wie kaum etwas sonst und sich so summieren zu viel größeren Konflikten. Alles fängt ja mal klein an, jeder, der in der Konfliktlösung tätig ist, weiß das nur zu gut.

Die chinesische Weisheit klingt ganz einfach, verlangt aber dem Verzeihenden viel ab: Das Verzeihen des Andersseins, das ist ein Annehmen jenseits von Bewertungen. Eine Weisheit, die dem Anderen erlaubt, sich in sein „Sosein“ fallen zu lassen wie in ein weiches Kissen, und sich am Angenommensein zu erfreuen. Das ist die eine Seite. Aber diese Weisheit macht auch dem Verzeihenden selbst das Leben leichter, der von allen Erwartungen und Veränderungswünschen ablassen kann, denn ändern kann jeder ohnehin nur sich selbst, wen sonst.

Zwei Aspekte spielen eine wesentliche Rolle: Das Anderssein zu verzeihen, bedeutet nicht, den eigenen Standpunkt aufzugeben. Im Gegenteil. Nur wer zu sich selbst steht, kann anderen mit Großzügigkeit begegnen. Und nicht jede andere Verhaltensweise oder Meinung kann automatisch auf Akzeptanz hoffen. Das geht nur, wenn ein Anderssein im grundsätzlichen Einklang steht mit dem gemeinsamen nationalen Wertekanon, den Gesetzen und ungeschriebenen Normen, auf dem unsere Gesellschaft fußt und der ein friedliches und freiheitliches Miteinander regelt, das wir nicht Tag für Tag neu aushandeln müssen.

Wie wohltuend wäre es, auf dieser gemeinsamen Basis das Anderssein im privaten Alltag individuell zu verzeihen. Dann entspannen sich beide, der Andere und der Verzeihende, und müssen sich nicht den Kopf zerbrechen und Energie vernichten in sinnlosen erst inneren, dann äußeren Gefechten.

Das Anderssein verzeihen. Wellness pur, für alle Beteiligten.

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One thought on “Miteinander

  1. newmindmax

    „Anderssein verzeihen“ ist ein aufrüttelndes Wortpaar!
    Kann man durch sein Sein, durch seine Existenz überhaupt Schuld auf sich laden, für die es Verzeihung gäbe? Natürlich nicht, aber trotzdem sitzt eine solche Vorstellung fataler Weise oft tief in uns. Damit lässt diese Weisheit mich, den Verzeihenden in den Spiegel blicken, der ich vorher im Anders-Sein (und deshalb Anders-Tun) des Mitmenschen Schuld gesucht habe. Zum Weg der Weisheit gehört wohl auch das bewusste Wahrnehmen des Andersseins der uns umgebenden Menschen, noch bevor sich die Frage von Schuld und Verzeihung stellt.

    Gefällt 1 Person

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