Grand Canyon

Wasser. Quell allen Lebens, Lebenselixier, friedliche Kraft, zerstörerische Kraft, formende Kraft, schnick, schnack, schnuck, Wasser schlägt Stein. Von oben betrachtet ist der Colorado River ein Rinnsal, ein Nichts, und doch ist er es, der die Schlucht aller Schluchten erschaffen hat durch schlichte Erosion, wahrscheinlich brauchte er fünf bis sechs Millionen Jahre hierzu. Er hat sich eingefressen in das Colorado Plateau auf einer Länge von 450 Kilometern, bis zu 1800 Meter tief, jährlich fünf Millionen Besucher, Faszination für viele, Grand Canyon.

Auf einmal liegt er da wie eine klaffende Wunde im Gestein, tief und breit und zerfurcht. Wieviele Menschen und Tiere sind wohl in grauer Vorzeit hier heruntergestürzt, in vollem Lauf, in vollem Galopp, keine Möglichkeit mehr abzubremsen. Ungebändigte, erbarmungslose, wildschöne Natur, das ist er auch als Touristenattraktion, kein Disneyland mit Auffangnetzen und Parade, sondern Abgrund pur. Einige hundert Meter mögen umzäunt sein, sonst trennt nur ein kniehohes Mäuerchen Besucherweg und Tiefe, wenn überhaupt. Wanderwege führen hinab, anspruchsvoll, denn am Canyonboden ist es schnell zehn Grad wärmer als oben am Rand. Im Sommer kann das zum Verhängnis werden.

Die Dimensionen sind gewaltig, kein Foto kann darauf vorbereiten, dass Mensch sich schlagartig wie eine Ameise fühlt, winzig, verletzlich und unbedeutend. Der eigene Blick wandert und scannt, bemüht festzuhalten, was sich ihm darbietet. Hilfsweise muss die Kamera herhalten, schnell sind zahllose Fotos gemacht an diesem Ort. Ein verzweifelter Versuch, Gigantisches zu bannen. Unaufgeregtes Schauen, Betrachten, Wirkenlassen führen Schritt für Schritt zu einer Annäherung an dieses Naturwunder.

Die Gesteinsschichten liegen bloß, zeigen das Gesicht unserer Erde über Millionen von Jahren. Das ist die wissenschaftliche Seite. Sonne und Wolken zaubern Schatten und Licht auf die Einschnitte, schaffen immer wieder neue Gemälde. Das ist die ästhetische Seite. Vorsprünge verführen, Steinformationen angeordnet wie Treppen verschleiern, dass es nicht aufwärts geht, sondern steil bergab, wenn der eine Schritt jenseits der Abgrenzung nicht der richtige war. Das ist die fatale Seite. Auch sie ist dokumentiert, Death in Grand Canyon, seit der ersten Expedition 1869 bis heute sind fast siebenhundert Menschen an und in dieser Schlucht zu Tode gekommen. Vielleicht bedient eine solche Dokumentation allfälligen Voyeurismus, vielleicht kann sie aber auch warnen vor dem einen Schritt zu viel oder dem Abstieg ohne Wasser oder schützen vor dem Irrtum, den Fluß dort unten mit seinen Stromschnellen zu unterschätzen.

Der Fluß und das Plateau, Wasser und Stein, David gegen Goliath. Das Ende ist bekannt.

Anmerkung:

Michael P. Ghiglieri und Thomas M. Myers, Over the Edge: Death in Grand Canyon, 2012, erschienen bei Puma Press.

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