Geborgenheit

Nachts im Bett. Ein Gewitter in der dunklen Nacht, Blitze zucken, Donner explodiert, Regen prasselt unerbittlich gegen die Fenster der Wohnung, des Hauses, der Wind rüttelt lautstark am Fundament. Wohlig dreht man sich um, im Bett, kuschelt sich in die Decke und weiß, hier ist man sicher, egal was draußen tobt und lärmt. Und erinnert sich: so war das schon immer, als Kind, als Heranwachsender, als Erwachsener. Die Welt könnte untergehen, hier fühle ich mich geschützt, ein unbekümmertes, kindliches Gefühl des Wohligseins. Fast kommt der Wunsch auf, möge es doch weiter wüten, das Gewitter, um dieses köstliche Gefühl, diesen beruhigenden Schauer der Sicherheit weiter spüren zu können. Geborgenheit.

Geborgenheit kommt ohne ein Mindestmaß an Sicherheit nicht aus, Sicherheit ohne Geborgenheit schon, aber sich geborgen fühlen ist immer noch mehr als sich sicher fühlen, denn Geborgenheit entsteht nur da, wo das Herz angekommen und angenommen ist und sich entspannen kann. Wohliges Umfangensein, Geschütztsein, Versorgtsein, nicht materiell, sondern emotional, emotionales Sattsein. Irgendwann kommt uns dieses Grundgefühl der Geborgenheit abhanden, das im besten Fall in der Kindheit entstanden ist, es kommt abhanden mit der erschütternden und reifenden Erkenntnis, dass nichts so sicher und geschützt ist oder je sein wird, wie das eigene Bett in einer stürmischen Gewitternacht. Viele Unwägbarkeiten und Unsicherheiten, real existierend oder nur vorgestellt, ersticken jeden Ansatz von Geborgenheitsempfinden. Das fängt im Kleinen und Privaten an mit alltäglichen Sorgen und Grübeleien und setzt sich im großen Ganzen fort, vom Regionalen zum Globalen, oft kollektiv geschürt und unreflektiert übernommen, oje, wohin soll das nur führen, Kontrollverlust an jeder Ecke. German Angst und German Sorge.

Und dabei ist Geborgenheit ein urdeutsches Wort, es gilt als nicht übersetzbar, zumindest fehlen echte Entsprechungen im Englischen und Französischen, „feeling of security“ oder  „sécurité“, das ist eben nur die Sicherheit, aber nicht das warme Gefühl tiefen Friedens drumherum. Geborgenheit – ein deutsches Gefühl? Wie erstaunlich. Oder doch nur eine deutsche Sehnsucht? Jedenfalls fällt sie uns nicht oder nicht mehr in den Schoß, für einen Erwachsenen kann Geborgenheit nur noch schwerlich von außen kommen, sie muss von innen wachsen, aber das Gute: jeder hat selbst das Zeug dazu.

Denn Geborgenheit hat etwas mit Besinnung zu tun, sich selbst besinnen, zur Besinnung kommen, sich selbst gewahr werden und, in einem nächsten Schritt, sich selbst beruhigen. Die Wege dorthin sind vielfältig und grundsätzlich bekannt. Sie sind das Gegenteil von Multitasking, sie haben alle etwas mit einem versammelten Geist zu tun. Und mit Ruhe. Ein Buch, eine Tasse Tee, ein gemütlicher Sessel. Oder Einssein in der und mit der Natur, ein Waldspaziergang, rauschende Blätter, Vogelgezwitscher. Eine sinnerfüllte altruistische Tätigkeit, das konzentrierte Kümmern um Bedürftige. Oder Abschauen bei den Kindern, versinken und sich versenken in konzentrierter Kreativität: Ein Model bauen, Backen, Stricken, Malen, Origami falten, Tauben züchten, den Garten gestalten. Den Geist hemmungslos auf eine einzige Sache fokussieren, das gute alte Hobby.

Was auch immer man wählt: Spüren, wie die Zeit sich auflöst, wie alle anderen Gedanken überflüssig werden und zurücktreten, Ängste verschwinden, Sorgen vergehen. Und sich freudvoll geborgen fühlen, sicher und geschützt und angekommen im Augenblick, in dem, was man gerade tut, in dem, was gerade ist.

Geborgenheit im Hier und Jetzt. Oder gar Glück?

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