Eine Schachtel Streichhölzer

Es gibt ein Problem: die Besprechung eines Buches sollte nicht länger sein als das Buch selbst, nun das ist schwierig, denn „Eine Schachtel Streichhölzer“ von Nicholson Baker hat selbst nur 150 Seiten und es ist nahezu unmöglich, eine Handlung zusammenzufassen, denn einerseits: es passiert nichts. Und andererseits: es passiert sehr viel, nur nicht das, was man von einem Roman gemeinhin erwartet.

Doch der Reihe nach: wir lernen den Familienvater Emmett kennen, der im Januar jeden Morgen früher als vom Tagesablauf erforderlich aufsteht, um sich Kaffee zuzubereiten, mit einem Streichholz den Kamin anzuzünden, und der während des Kaffeetrinkens im Dunkeln seine Gedanken schweifen lässt, über sich, über tägliche Verrichtungen und Kleinigkeiten. Emmett steht in der Mitte seines Lebens, Stück für Stück lernt man die Familie kennen, seine Frau Claire, die Tochter Phoebe und den Sohn Henry. Er liebt seine Familie, es gibt keine ausgeprägten Hochs oder Tiefs, sein Leben und seine Gedanken plätschern dahin. 33 Streichhölzer sind in einer Packung, 33 Morgen begegnen wir Emmett, 33 kurze Kapitel ist das Buch lang, nur für diese Zeit steht er früher auf und denkt intensiver nach als er es sonst morgens unter der Dusche bei seinem „Morgendenken“ tut. Auslöser ist ein Ausflug: „Claire ist mit uns an Neujahr den Sonnenaufgang ansehen gefahren und das hat mich verändert. (…) Man möchte was tun, wenn die Welt noch still ist; Stille und Menschenleere sind dann der Treibstoff.“ (S. 124)

In dieser morgendlichen Stille nimmt Emmett seine Erinnerungen, kleine Macken und über die Jahre entwickelte Vorlieben, betrachtet sie intensiv und von allen Seiten und gibt sie weiter an den Leser. Manchmal spricht er den Leser direkt an, manchmal durchbrechen seine Gedanken den Augenblick und kratzen an der Vergänglichkeit. Das sind nur kurze Momente, Gedanken beim Haarewaschen des achtjährigen Sohnes, merkwürdige Einschlafträume in Form von Selbstmordphantasien, der Tod der Großmutter wird vage gestreift. Diese Momente sind es aber, die dem Buch die erforderliche Tiefe geben, vielleicht auch den Sinn, weil sie das Beschreiben des Alltäglichen einordnen in den Lauf der Zeit und letztlich das Altern. Über eine alternde Ameise namens Fides sagt Emmett: „Fides hielt sich durch Arbeit am Leben, daher war sie für mich ein gutes Beispiel.“ (S. 139)

Doch es ist kein melancholisches Buch, es ist getragen von einer ruhigen Gelassenheit. Und es lädt ein, sich gerade auf die detailreichen Beschreibungen Emmetts einzulassen, sie und sich zu spiegeln und vielleicht bewusst zu werden, dass es  gerade diese Aneinanderreihung von Mikrotätigkeiten und Mikroereignissen ist, die in der Summe ein Leben ausmacht. Die es deshalb wert sind, genauer betrachtet zu werden. Ein ruhiges, wohlwollendes Betrachten, das nur in der Stille und Dunkelheit eines frühen Morgens möglich ist, wenn man noch nicht von Tagesreizen überflutet ist und die Wucht der Normalität aushalten kann, die im Gewahrwerden dieser Mikrotätigkeiten liegt.

So zündet „Eine Schachtel Streichhölzer“ nur, wenn man bereit ist, Emmetts Beobachtungen des Alltäglichen anzunehmen. Dann kann es ein paar achtsame, vielleicht sogar nachdenkliche Momente des Lesens und Innehaltens bescheren.

Anmerkungen:

Nicholson Baker, Eine Schachtel Streichhölzer, 2005/2013, erschienen bei Rowohlt Taschenbuch Verlag.

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