Neugierde

Huch, welch obszönes Wort, Gier auf Neues, Neugier oder Neugierde. Synonym ist „Wissbegier“, aber auch hier die Gier und Gier ist per se ein negativ besetzter Begriff, ein Habenwollen im Übermaß, um jeden Preis, den Schlund nicht voll bekommen. Sogar der Duden gibt eine Definition, die nachdenklich stimmt:

„Neugierde, die: Beherrschtsein von dem Wunsch, etwas Bestimmtes zu erfahren, in Angelegenheiten, Bereiche einzudringen, die besonders andere Menschen und deren Privatleben o.Ä. betreffen.“ (aus: Online-Duden, s.u.)

Wie ekelig. Seine Nase in fremde Angelegenheiten stecken, rumschnüffeln, Leichen im Keller. Ist das wirklich alles? Ist das nicht arg einseitig? Ist diese Verstümmelung der Neugierde auf eine Art „soziale Neugierde“ nicht eine Beleidigung für jeden interessierten Menschen, der mit offenen Augen durch die Welt geht, bereit, sich auf Neues einzulassen? Um eben nicht „etwas Bestimmtes zu erfahren“, denn das ist im vorhinein vielleicht gar nicht zu definieren, schon gar nicht aus dem Privatleben anderer Menschen, sondern offen sein und interessiert sein für Erfahrungen, Entdeckungen, Ereignisse, Gesetzmäßigkeiten in der belebten und unbelebten Natur.

Man darf differenzieren: Neugierde bei Kindern ist notwendiges Wesensmerkmal, ohne das Entwicklung und Lernen nicht möglich sind, sie wird gefördert und begrüßt, ist selbstverständlich positiv. Erst für den Erwachsenen wird sie verwerflich und anrüchig. Weil wohl unterstellt wird, dass sie zur weiteren Reifung und Entwicklung nicht mehr wesentlich ist, sondern nur noch Informationen liefert, die der Erwachsene zu eigenen, niederen Zwecken ausnutzt. Vielleicht ist das sogar historisch genährt durch verheerende Spitzelsysteme, die allein auf todbringender Neugierde fußten und nichts als Verderben über die Ausgespähten brachten. Also gilt gemeinhin: Neugierde bei Kindern ist gut, Neugierde bei Erwachsenen mindestens merkwürdig.

Auch in der Literatur zeigt sich diese Unterscheidung, es gäbe ja die halbe Kinder- und Jugendliteratur nicht, wenn es nicht Neugierige gäbe. Und was würden wir verpassen! Annika und Thomas hätten Pippi nicht kennengelernt, Alice wäre nie ins Wunderland gerutscht und auch der kleine Hobbit hätte sich – allem Druck durch Gandalf und die eigene Geldgier zum Trotz – ohne Neugierde nicht auf seine große Reise gemacht: „Gleichzeitig erwachte etwas von der Tukseite in ihm. Er sehnte sich danach, hinauszuziehen und die großen Gebirge zu sehen und die Kiefern und Wasserfälle rauschen zu hören, die Höhlen auszukundschaften und ein Schwert zu tragen statt eines Spazierstocks.“ Erst der Erwachsene leidet an der Neugierde, der Wissbegier, auch literarisch, bis hin zum grandiosen Scheitern, auf „Dass ich erkenne was die Welt im Innersten zusammenhält.“  Mit den bekannten Folgen.

Aber warum eigentlich. Warum nicht auch die Lust auf Gebirge, Kiefern, Wasserfälle und Höhlen für den Erwachsenen?

In der Medizin gibt es ja längst die Vermutung, dass Neugierde bei Erwachsenen zusammen mit anderen, bekannten Komponenten wie Bewegung, sozialer Verbundenheit und Ernährung ein wirksames Mittel ist, um Altern und womöglich dementielle Entwicklungen zumindest zu verzögern. Auch ohne harte wissenschaftliche Beweise leuchtet das jedem ein: „Solange man neugierig ist, kann einem das Alter nichts anhaben.“ Ein Sinnspruch, der dem Schauspieler Burt Lancaster zugeschrieben wird, ganz unabhängig von medizinischen Thesen. Kurios. Und die sog. positive Psychologie, die ergänzend zu der Behandlung psychischer Krankheiten nach Wegen sucht, das Leben Nicht-Kranker erfüllter zu gestalten, ordnet die Neugierde klar als persönliche Stärke ein. Sind Anlagen vorhanden, möge sie zur Mehrung der persönlichen Zufriedenheit auch ausgelebt werden.

Und wenn sie nicht ausgeprägt angelegt ist im Persönlichkeitsbild, was dann? Kann man sie fördern? Natürlich, immer wieder Anregungen suchen abseits der gelebten Pfade, andere Bücher, andere Ausstellungen, andere Zeitungen, Gewohnheiten in Frage stellen, ablegen, neu entdecken. Die Möglichkeiten sind schier endlos. Manchmal mühsam. Aber von allen Lebewesen in Gänze nur dem Menschen möglich.

Neugierde wagen. Letztlich nichts anderes als Teilhabe am Leben.

Anmerkungen:

Die Definition des Begriffs der Neugierde ist entnommen dem Online-Duden, http://www.duden.de, Verlag Bibliographisches Institut, unter dem folgenden link: http://www.duden.de/rechtschreibung/Neugierde.

Das Zitat aus dem kleinen Hobbit ist entnommen: J.R.R. Tolkien, Der kleine Hobbit, 2001/2012, erschienen im Deutschen Taschenbuch Verlag, dort S. 23.

Das Zitat „Die Welt im Innersten“ stammt aus Faust I, Eingangsmonolog.

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