Tagträumen

Auf der Wiese liegen, ein Bach gurgelt in der Ferne, gedämpft durch das Einsinken im Gras. Strohhalm im Mund, in die Sonne blinzeln, Tom Sawyer-Idylle. Süße Träumerei, Gedanken schweifen lassen, sie spielen miteinander, eins ergibt sich aus dem anderen, immer weiter. Phantasie ist das, Kreativität entsteht daraus, Wohlbefinden ebenso wie Zufriedenheit.

Wann ist das in Verruf gekommen?

Es hat den Hauch des Unerlaubten, des Falschen, dennoch kennen wir es alle, das Tagträumen. Allerdings modifiziert. Wir nehmen uns nicht die Zeit dafür, es kommt immer dann, wenn wir eigentlich beschäftigt sind, mit einer Aufgabe, Arbeit, Tätigkeit. Plötzlich schweifen die Gedanken ab, in die Vergangenheit oder Zukunft, wir analysieren Situationen, machen Pläne, spielen in Gedanken Aktionen und Reaktionen durch. Oft passiert das bei Routinetätigkeiten oder wenn notwendige Pausen nicht eingehalten werden – der Kopf holt sie sich. Manchmal werden die Gedanken verstärkt durch intensive Emotionen, Freude, Ärger, Trauer, dann kann es uns zu schaffen machen.

Tatsächlich gibt es im Gehirn Bereiche, die genau für dieses Tagträumen zuständig sind, das sog. Default Mode Network, das Ruhestandardnetz oder Leerlauf-Netzwerk.* Es ist immer dann aktiv, wenn keine konkreten Aufgaben gelöst werden, wenn im Kopf eigentlich Ruhe, zumindest eine verminderte Hirnaktivität herrschen sollte. Pustekuchen. Gerade dann arbeiten diese Teile des Gehirns intensiv, produzieren Tagträume, Vorstellungen, selbstbezogenes Denken. Das kann problematisch werden, wenn dieses Denken sich verselbständigt und negative Gedanken vorherrschen; es kann unzufrieden machen oder sogar krank. Und es gibt einige Methoden und Tipps, damit umzugehen, wie Meditation*, Achtsamkeit, visualisierte Gedankenstopps, damit das nicht Überhand nimmt.

Aber was ist mit der guten Seite der Tagträumerei? Dem Versinken in schönen Vorstellungen, Ideen, Plänen, sie können sich potenzieren zu einem Mehr an positiven Emotionen oder zu einer kreativen Explosion. Der Wert ist kaum messbar, denn manchmal kommt auch nichts dabei heraus. Oder ganz viel, positive Vorstellungen können eine Quelle sein für Zuversicht, Trost und Hoffnung und damit ein wichtiger Bestandteil der persönlichen inneren Widerstandskraft, der Resilienz.

Literarisch ist das Tagträumen erlaubt, ja geradezu essentiell, und folgende Gedanken über das Nebeneinander von innerer und äußerer Realität berühren:

„Mir ist natürlich klar, dass diese Phantasien kindisch sind. Und doch bin ich mir sicher, dass es in diesem Universum einen Ort geben muss, von dem aus betrachtet beide Welten gleich wahr sind. Die echte und die ausgedachte. Denn wenn alles vergessen und vorbei ist, wenn die Zeit in Milliarden Jahren alles entfernt hat und es keinen Beweis mehr für gar nichts gibt, dann spielt es keine Rolle, was die Wirklichkeit war. Dann sind die Geschichten, die ich mir in meinem Kopf ausgedacht habe, vielleicht genauso wirklich und unwirklich gewesen wie das, was die Menschen Realität genannt haben.“ Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit, S. 309.*

Die Gleichwertigkeit von Fiktion und Realität im Verhältnis zur Zeit. Das ist Literatur und Literatur darf merkwürdige Fragen aufwerfen, muss sie sogar, aber ist diese Aussage nicht rührend und romantisch? Geradezu verführerisch?

Also dann: Wiese her, Bach her, Einsinken im Gras. Und träumen.

*Anmerkungen:

Einführend zum Default Mode Network: Prof. Marcus E. Raichle, Im Kopf herrscht niemals Ruhe, in: Spektrum der Wissenschaft, Juni 2010, S. 60-66.

Zum Zusammenhang zwischen Default Mode Network und Meditation: Ulrich Ott, Meditation für Skeptiker, 2010, erschienen bei O.W. Barth Verlag, insb. S. 98-101.

Zitat zum Tagträumen: Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit, 2016 erschienen bei Diogenes.

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