Stoner

Manchmal werden Bücher hochgelobt, freudig bestellt und erwartet und bescheren nette Stunden. Und manchmal kommen sie ganz unaufgeregt und zufällig daher und entpuppen sich als  unverhoffte Glücksmomente, als echte Abtauchbücher, und wenn man nach zwei, drei Tagen ganz benommen wieder aus ihnen auftaucht, ist man innerlich reicher geworden. Und weiter. „Stoner“ ist so ein Buch der zweiten Kategorie.

Es geht um das Leben eines Mannes, William Stoner, der ursprünglich von einer Farm stammt und nach einem landwirtschaftlichen Studium in Missouri dorthin auch wieder zurückkehren sollte – eigentlich, denn „Erst in seinem zweiten Jahr sollte William Stoner erfahren, warum er ans College gekommen war.“ (S. 15) Er belegt an der Universität einen Pflichtkurs „Einführung in die englische Literatur“, und angesichts eines Sonetts von Shakespeare soll er erläutern, was es bedeutet:

„Stoner hob langsam und zögerlich den Blick. ‚Es bedeutet‘, sagte er und streckte mit vager Bewegung die Hände in die Höhe, wobei er spürte, wie sein Blick die Gestalt von Archer Sloane suchte und zugleich glasig wurde. ‚Es bedeutet‘, sagte er noch einmal, konnte aber nicht beenden, was er zu sagen begonnen hatte.“ (S. 20)

Das ist die Sprachlosigkeit eines sensiblen Menschen, der etwas angesichtig wird, das so viel größer ist als er, der Literatur. Es ist um ihn geschehen, er wechselt das Studienfach und macht seinen Weg, seinen Doktor in Philosophie, wird Professor am Fachbereich Englisch, sein Leben lang. Das ist der Universitätsroman, hier beschreibt „Stoner“ den Werdegang dieses Mannes, seinen Unterricht, seine Prinzipien, universitäre Animositäten und Intrigen. Aber vor allem eines: seine große und tiefe Liebe zur englischen Literatur, die ihn bis an sein Lebensende nicht loslässt. Und für die – und nur die – er bereit ist, sich aufzubäumen, zu streiten. Und die die einzige Geliebte ist, die er festzuhalten vermag.

Aber „Stoner“ ist noch so viel mehr, es ist ein Buch über eine Männerfreundschaft, die klein anfängt und wächst, Jahrzehnte besteht, geprüft wird und standhält. Und es ist ein Buch über eine Ehe und über die romantische Liebe, was in diesem Fall nicht dasselbe ist. Stoner verliebt sich als junger Mann, heiratet schnell. Edith, seine Ehefrau, ist ein gequälter Mensch, wahrscheinlich früh in ihrer Persönlichkeit gestört, so, wie sie später mit ihrem Kinderspielzeug umgeht. Die Ehe ist so unglücklich, dass es fast körperlich schmerzt, so viel darf ich verraten, denn es wird schnell klar. Sie bekommen eine Tochter, Grace, die Stoner über alles liebt. Stoner ist es, der sie in den ersten Jahren fürsorglich und zugeneigt umsorgt, als seine Frau dazu nicht in der Lage ist. Im Laufe der Zeit wird die Ehe zur Qual, führt schließlich auch zur Entfremdung von der Tochter. Noch einmal scheint die Liebe in William Stoners Leben, die Liebe zu einer Frau, die so viel besser zu ihm zu passen scheint und seine andere große Liebe zur Literatur teilt und schätzt. Die ihn in dieser Liebe sein lässt und versteht. Dieses Glück ist nicht von Dauer, zurück bleibt ein innerlich zerbrochener Stoner. Der versucht, sein Leben weiterzuleben. Und sich arrangiert.

Der Verlag bewirbt dieses Buch mit dem Satz: „Es ist ein Roman darüber, was es heißt ein Mensch zu sein.“ Große Worte. Was sollen sie bedeuten? Ein Mensch, der sich treu bleibt, William Stoner, der immer so handelt, wie er handeln muss? Oder besser: nicht handelt? Ist das Mensch-Sein? Das reicht mir nicht.

Aber vielleicht das: es scheinen immer wieder feine Grenzziehungen auf in diesem wunderbar, leicht melancholisch erzählten Buch, die Ambivalenz menschlichen Lebens. Man kann es so sehen – aber vielleicht auch ganz anders. William Stoner ist ein Mensch, der sich treu bleibt. Oder vielleicht nicht aus seiner Haut heraus kann? Der unbeirrt seinen Weg geht. Oder doch nur unbeweglich ist? Der in der Mitte seines Lebens seine große Liebe trifft. Oder ist es doch nur eine klassische Midlife-Crisis? Und gäbe es diese Liebe auch ohne die gemeinsame Liebe zur Literatur? Er erträgt seine Ehe und nimmt hin, was ihm geschieht. Zeigt das Größe oder Schwäche? Denn es sind auch schlimme Demütigungen, die er in dieser Partnerschaft erfährt, und er verteidigt seine Würde nicht. Oder doch? Indem er bei sich bleibt? Und welchen Anteil trägt er an dieser Ehe und an der Entfremdung von seiner Tochter durch sein Nichteingreifen – können oder wollen?

Das So-Sein und nicht anders können. Das Geschehen-Lassen und Zulassen. Stilles Erdulden ohne einzugreifen. Wie weit darf das gehen?

„Sie unterhielten sich bis zum Morgengrauen, als wären sie alte Freunde. Und Stoner sah ein, dass sie, ganz wie sie behauptet hatte, in ihrer Verzweiflung beinahe glücklich war; sie würde ihr Leben ruhig zu Ende leben, würde ein wenig mehr trinken, Jahr um Jahr, und sich gegen das Nichts betäuben, zu dem ihr Leben geworden war. Er war froh, dass sie wenigstens das hatte, dankbar dafür, dass sie trinken konnte.“ (S. 312)

Wenn William Stoner nicht so ein empfindsamer Mann wäre. Wenn dieses Buch nicht so ruhig und unaufgeregt, etwas altmodisch erzählt würde. Wenn es dadurch nicht in seinen Bann ziehen würde. Dann könnte man manchmal wütend werden auf all das, was so geschieht in Stoners Leben und auf das er keine Antworten hat.

Oder hat er sie doch?

Anmerkungen:

John Williams, Stoner, 6. Aufl. 2016 erschienen bei dtv.

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Lagom

Lagom, dieses schöne schwedische Wort, geheimnis- und verheißungsvoll, nicht übersetzbar, es bedeutet so viel wie das rechte Maß, gerade richtig, nicht zu viel und nicht zu wenig. Beneidenswert ist eine Sprache, die hierfür einen Begriff hat, wie wäre das im Deutschen? Das rechte Maß oder gar „gesundes Mittelmaß“, wie unsexy das klingt, so spießig und verstaubt. So, dass man sich eigentlich gar nicht damit beschäftigen will, denn es schwingt ein Zurechtstutzen mit auf eben dieses Maß, ein Verkleinern, durch Erwartung oder gar Zwang, aber keine Freiwilligkeit oder gar persönlicher Nutzen. Um wie viel schöner und ausgewogener klingt da für unsere Ohren „Lagom“.

Das rechte Maß, es ist keine Erfindung der Neuzeit, im Gegenteil, es beschäftigt seit hunderten von Jahren Menschen, und es ist ein individuelles rechtes Maß. „In bezug auf uns aber bedeutet die rechte Mitte das, was weder zuviel noch zuwenig ist: das ist aber keineswegs bei allen eines und auch nicht dasselbe.“ formulierte Aristoteles vor über zweitausend Jahren.* Jeder darf also für sich selbst herausfinden, wo sein individuelles rechtes Maß liegt, darf Warnungen, Hinweise und Ratschläge zur Kenntnis nehmen und auf ihre Tauglichkeit für sich selbst prüfen. Muss nicht übernehmen, was andere als rechtes Maß definieren, sondern darf es individuell bestimmen. Das ist Freiheit und Verantwortlichkeit in einem. Im Gegenzug können das Finden und Einhalten des persönlichen rechten Maßes Gesundheit schenken und Zufriedenheit. Dann steht das rechte Maß auch für den Einklang mit sich selbst und den unbedingten Willen, dass es dem Maßhaltenden gut ergehen möge. Als Belohnung, sozusagen. Und sich im individuellen rechten Maß zu bewegen, kann in anderen Bereichen ungeahnte Energien freisetzen, physisch und psychisch, im Inneren und im Äußeren.

Also das rechte Maß suchen und festhalten?

So einfach ist das nicht. Denn die Extreme locken, versprechen Lebendigkeit  und Abenteuer, manchmal Trost. Das gilt für so viele Bereiche, Arbeiten, Schlafen, Essen, Trinken, Freizeit, Sport, Technik, Faulenzen, Aktivität. Und umgekehrt, wo die Extreme fehlen, droht Langeweile, droht Durchschnitt, droht Stillstand. Braucht das rechte Maß, Lagom, vielleicht gerade die Ausreißer nach oben und nach unten zur ständig wiederkehrenden Feinjustierung? Zum fortdauernden Wiedereinpendeln? Ab und zu über die Stränge schlagen, um die Mitte auszubalancieren?

Für die Jugend gilt das sicherlich, welcher Zwanzigjährige und auch Dreißigjährige hält schon dauerhaft das rechte Maß ein. Dass das erstrebenswert sein könnte, drängt sich erst dem älter, reifer werdenden Menschen auf, dann nämlich, wenn die physischen Kapazitäten die Ausreißer in die Extreme nicht mehr vertragen. Aber auch das ist kein Selbstläufer, bedauerlicherweise gehört das Maßhalten zum Älterwerden nicht naturgegeben dazu. Es bleibt eine Frage des Wollens und Wünschens, ein lebenslanger Prozess. Und es ist nicht nur eine Willenssache, der Kopf tut sich schwer, wenn Herz und Bauch nicht mitziehen. Denn die allzu menschliche Lust auf Extreme lässt sich nicht einfach abstellen, nicht durch Vernunft und jedenfalls nicht nachhaltig. Das geht nur, wenn der Bauch merkt, wie gut das tut, das Maßhalten also mit Zufriedenheit belohnt wird. Damit ist wie so oft der erste Schritt der schwerste.

Lagom, das rechte Maß. Kein Zustand, sondern ein ständiges Bemühen. Das vielleicht irgendwann in Selbstverständlichkeit mündet.

Anmerkungen:

* Aristoteles, Nikomachische Ethik, z.B. Fischer Taschenbuch, 2016, S. 42.