Lagom

Lagom, dieses schöne schwedische Wort, geheimnis- und verheißungsvoll, nicht übersetzbar, es bedeutet so viel wie das rechte Maß, gerade richtig, nicht zu viel und nicht zu wenig. Beneidenswert ist eine Sprache, die hierfür einen Begriff hat, wie wäre das im Deutschen? Das rechte Maß oder gar „gesundes Mittelmaß“, wie unsexy das klingt, so spießig und verstaubt. So, dass man sich eigentlich gar nicht damit beschäftigen will, denn es schwingt ein Zurechtstutzen mit auf eben dieses Maß, ein Verkleinern, durch Erwartung oder gar Zwang, aber keine Freiwilligkeit oder gar persönlicher Nutzen. Um wie viel schöner und ausgewogener klingt da für unsere Ohren „Lagom“.

Das rechte Maß, es ist keine Erfindung der Neuzeit, im Gegenteil, es beschäftigt seit hunderten von Jahren Menschen, und es ist ein individuelles rechtes Maß. „In bezug auf uns aber bedeutet die rechte Mitte das, was weder zuviel noch zuwenig ist: das ist aber keineswegs bei allen eines und auch nicht dasselbe.“ formulierte Aristoteles vor über zweitausend Jahren.* Jeder darf also für sich selbst herausfinden, wo sein individuelles rechtes Maß liegt, darf Warnungen, Hinweise und Ratschläge zur Kenntnis nehmen und auf ihre Tauglichkeit für sich selbst prüfen. Muss nicht übernehmen, was andere als rechtes Maß definieren, sondern darf es individuell bestimmen. Das ist Freiheit und Verantwortlichkeit in einem. Im Gegenzug können das Finden und Einhalten des persönlichen rechten Maßes Gesundheit schenken und Zufriedenheit. Dann steht das rechte Maß auch für den Einklang mit sich selbst und den unbedingten Willen, dass es dem Maßhaltenden gut ergehen möge. Als Belohnung, sozusagen. Und sich im individuellen rechten Maß zu bewegen, kann in anderen Bereichen ungeahnte Energien freisetzen, physisch und psychisch, im Inneren und im Äußeren.

Also das rechte Maß suchen und festhalten?

So einfach ist das nicht. Denn die Extreme locken, versprechen Lebendigkeit  und Abenteuer, manchmal Trost. Das gilt für so viele Bereiche, Arbeiten, Schlafen, Essen, Trinken, Freizeit, Sport, Technik, Faulenzen, Aktivität. Und umgekehrt, wo die Extreme fehlen, droht Langeweile, droht Durchschnitt, droht Stillstand. Braucht das rechte Maß, Lagom, vielleicht gerade die Ausreißer nach oben und nach unten zur ständig wiederkehrenden Feinjustierung? Zum fortdauernden Wiedereinpendeln? Ab und zu über die Stränge schlagen, um die Mitte auszubalancieren?

Für die Jugend gilt das sicherlich, welcher Zwanzigjährige und auch Dreißigjährige hält schon dauerhaft das rechte Maß ein. Dass das erstrebenswert sein könnte, drängt sich erst dem älter, reifer werdenden Menschen auf, dann nämlich, wenn die physischen Kapazitäten die Ausreißer in die Extreme nicht mehr vertragen. Aber auch das ist kein Selbstläufer, bedauerlicherweise gehört das Maßhalten zum Älterwerden nicht naturgegeben dazu. Es bleibt eine Frage des Wollens und Wünschens, ein lebenslanger Prozess. Und es ist nicht nur eine Willenssache, der Kopf tut sich schwer, wenn Herz und Bauch nicht mitziehen. Denn die allzu menschliche Lust auf Extreme lässt sich nicht einfach abstellen, nicht durch Vernunft und jedenfalls nicht nachhaltig. Das geht nur, wenn der Bauch merkt, wie gut das tut, das Maßhalten also mit Zufriedenheit belohnt wird. Damit ist wie so oft der erste Schritt der schwerste.

Lagom, das rechte Maß. Kein Zustand, sondern ein ständiges Bemühen. Das vielleicht irgendwann in Selbstverständlichkeit mündet.

Anmerkungen:

* Aristoteles, Nikomachische Ethik, z.B. Fischer Taschenbuch, 2016, S. 42.

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One thought on “Lagom

  1. Sigrid

    Ich habe immer gesagt, wenn ich im nächsten Leben Philosoph werde, dann formuliere ich die Philosophie des „Goldenen Mittelweges.“ Schon lange bin ich nämlich die Verfechterin des „goldenen Mittelweges“ in allen Lebenslagen. Zu dem gehört auch immer mal ein „über die Stränge schlagen“ und ein „Vernachlässigen“. Aber sonst fährt man mit dem Mittelweg ganz gut. Wenn es jetzt aber sogar schon ein wohlklingendes Wort auf schwedisch gibt, brauche ich ja nicht mehr Philosophin werden. 🙂

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