Die Gedanken sind frei

Ein altes Volkslied ist es, das uns von der Gedankenfreiheit schwärmt, die Idee stammt schon aus dem Mittelalter, geschrieben und vervollständigt wurde es rund um 1800, der Endfassung Leben eingehaucht hat Hoffmann von Fallersleben. Die Melodie: ein Ohrwurm. Der Text: pure Inspiration.

„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, sie fliehen vorbei wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen, es bleibet dabei, die Gedanken sind frei.“

Die Gedanken sind meins, niemandes anderen, etwas ausschließlich Eigenes, wie beruhigend, unzerstörbar, unkaputtbar, geheim. Keiner fremden Bewertung unterliegend. Aber auch: das Tor in andere Welten. Dabei ist nicht nur das Denken an Mögliches gemeint, sondern auch der Gedanke an Unmögliches, vielleicht übertrifft man dann doch das Mögliche, denn unmöglich ist es vielleicht nur, solange es nicht gedacht wird? „Manchmal denke ich schon vor dem Frühstück an nicht weniger als sechs unmögliche Dinge.“ (aus Alice im Wunderland, s.u.). Und wenn es stimmt, dass Menschen nicht bereuen, was sie getan haben, sondern bedauern, was sie nicht getan haben, dann ist der erste Schritt, es überhaupt zu denken.

„Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker, das alles sind rein vergebliche Werke; denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei: die Gedanken sind frei.“

Es kommen unschuldig Inhaftierte, unwürdig Inhaftierte in den Sinn, und diese Strophe könnte uns vorkommen wie Hohn. Doch es gibt sie, die Beispiele, die von der Kraft einer Vision erzählen, die auch hinter Gefängnismauern Bestand hatte und letztlich siegte. Nelson Mandela, Mahatma Gandhi, Ausnahmepersönlichkeiten, immer wieder oder gar lange inhaftiert, aber ihre Idee, ihre Gedanken sind geblieben. Sie waren jeweils erfolgreich, haben Indien in die Unabhängigkeit und Südafrika aus der Apartheid geführt. Und vor fast dreißig Jahren waren es undenkbare Gedanken, das Wagnis, das Unmögliche zu denken, die die deutsch-deutsche Mauer einrissen. Jede Bewegung beginnt mit einem Gedanken. Im richtigen Moment gedacht scheint seine Macht schier unbegrenzt.

„Drum will ich auf immer den Sorgen entsagen und will mich auch nimmer mit Grillen mehr plagen.“

Zurück im individuellen Alltag, wie aktuell und fortschrittlich ist dieser Satz aus der letzten Strophe für jeden Einzelnen, gelegentliches Grübeln stoppen, die ein oder andere Sorge unterbinden, als bewusste Willensentscheidung. Ich allein bin Herr über meine Gedanken und habe es in der Hand, sie zu befördern oder zu stoppen. Ich allein bestimme, wer oder was in meinem Kopf wohnt. Und Schuld ist nicht das oder der, der sich dort gerade breit macht. Eigenverantwortung pur. So kann es Sinn machen, jeden Morgen etwas Inspirierendes, etwas Gutes zu denken, bevor andere Nachrichten unsere Gedanken gefangen nehmen könnten. Das ist ein gutes Rüstzeug, um den Gedankenstrom in die richtige Richtung zu lenken. Ein Sinnspruch, ein Kalenderblatt, eine inspirierende Reflexion. Sie wirken über den Tag im Unbewussten fort und lassen keinen Platz für Sorgen und Grillen. Oder Animositäten. In der Konfliktarbeit ist das ein segensreiches Werkzeug, um im Kopf der Kontrahenten Raum zu schaffen für eine Lösung. Ganz nebenbei könnte es dem Individuum helfen: „Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.“ (zugeschrieben Voltaire).

Oder, um beim Liedtext zu bleiben:

„Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen und denken dabei: die Gedanken sind frei.“

Dem möge nichts im Wege stehen.

Anmerkungen:

Alice im Wunderland, Film USA, 2010, Regie: Tim Burton.

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