Ein Leben mehr

Ich mag Bücher, die das Bauchempfinden umschmeicheln, das Herz berühren und den Geist erfrischen. „Ein Leben mehr“ von Jocelyne Saucier erfüllt diese Bedingungen. Es ist weise und sanft, originell und märchenhaft, intelligent und charmant und zeugt von großer Menschlichkeit und Empathie.

In den Wäldern Nordkanadas hausen drei alte Männer in einer Einsiedelei, jeder für sich in einer eigenen Hütte, getrennt und doch zusammen. Eines Tages kommt eine jüngere Fotografin sie besuchen und stökert sie auf und sich gleich mit. Die Fotografin ist auf der Suche nach einem der letzten Überlebenden der Großen Brände, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Ontario wüteten und vermutet ihn unter den drei Männern. Es dauert nicht lange und das Camp der Alten erfährt weiteren Zuwachs und ein paar andere Personen spielen auch noch eine Rolle. Die Geschichte entwickelt sich.

„Eine Geschichte, in der es um Menschen geht, die spurlos verschwinden, um einen Todespakt, der dem Leben sein Salz gibt, um den unwiderstehlichen Ruf der Wildnis und um die Liebe, die dem Leben seinen Sinn gibt.“ (S. 7, erster Satz)

Ja, es geht um die Liebe, eine ganz frische gegenwärtige, die sich gerade erst entwickelt, zart wie eine Daunenfeder und unwirklich, und um eine vergangene Liebe, die es schwer hatte und nicht gelingen wollte, und um die zukünftige Liebe, die noch gar nicht gefunden wurde. Und um die Freiheit geht es, die Freiheit zu leben, wie man will, und zu sterben. Um das Altern in Würde und nach eigenen Vorstellungen und um den Drang der Jüngeren, allem auf den Grund zu gehen. Und um Verletzungen und Erlebnisse, die ein Leben lang fortwirken.

Ganz wunderbar ist die Erzählweise der Autorin, die Sprache sowieso, aber auch die Struktur. Sie stellt jedem Kapitel eine Art Zusammenfassung oder Kommentar vorneweg, das erinnert an den Chor in der griechischen Antike, der kommentierte und informierte, um das Verständnis des Stückes zu erleichtern. So ist es auch hier, wir werden von einem allwissenden Erzähler geführt, der fast in einen geheimen Dialog mit dem Leser eintritt, so als würden beide die Entwicklung der Geschichte gemeinsam betrachten, das ist geistreich und macht Freude. Anfangs wechseln auch die Erzählperspektiven in den Kapiteln, jeder Protagonist schildert seine Wahrnehmung, setzt seine Schwerpunkte, fügt so Baustein an Baustein, bis alle beieinander sind und die Geschichte etwa ab der Hälfte von einem außenstehenden Erzähler forterzählt wird.

Ein kleines feines Buch, das wohltuend erquickt, international sehr erfolgreich ist und bereits verfilmt wird. Man sollte es wohl wie so oft vorher lesen.

Anmerkung:

Jocelyne Saucier, Ein Leben mehr, 2015, 5. Aufl. 2016, erschienen im Insel Verlag Berlin.

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