Zutrauen – Information Overload

Kennt Ihr das? Den Sog der schlechten Nachricht? Schlechte Nachrichten haben eine Tendenz, sich zu vervielfachen, über die Tage immer mehr und immer abgründiger zu werden, wenn aufgedeckt wird, was alles schief gegangen ist. Information Overload. Das ist ein Angebot der Nachrichtenredaktionen, das auf breite Nachfrage trifft, oder ist es andersherum? Warum verfolgen manche stündlich die aktuellen Entwicklungen, online, auf dem Smartphone, hautnah dran?

Die Beweggründe sind zahlreich und stecken tief im Innersten. Manche treibt der Wunsch, dass doch nicht alles so schlimm ist, wie geschildert, dass doch irgendwo das Samenkorn Hoffnung versteckt ist. Andere wollen Sicherheit, wollen Erfahrung generieren für ihr eigenes Leben, das hätte ich nicht gemacht, so nicht gemacht, puh, Glück gehabt. Und viele treibt das Mitgefühl, das Mitleid, und häufig doch nur das schwache, selbstreflexive Mitleid, die „Ungeduld des Herzens“, über die Stefan Zweig nachdachte, nicht das zupackende, teilnehmende, schöpferische Mitgefühl.

Wie immer auch nun die Beweggründe sein mögen, ein Mehr an Informationen führt nicht zu einem Mehr an Zutrauen, ganz im Gegenteil. Doch die schlechte Nachricht ist nicht mehr zu ändern und lässt sich nicht verbannen. Es bleibt, kurz inne zu halten, von Herzen mitzufühlen, ein Gedenken an Betroffene. Wer kann, hilft, jeder auf seine Weise. Und dann ein Nachrichtencut. Alles, was folgt, verwässert, verstört, verwirrt. Und kann zermürben.

Im Rückblick begann der Information Overload mit dem furchtbaren Terror vom 11. September 2001. Damals erlebten Nachrichten-Onlineportale ungeheuren Zulauf, und in der nachfolgenden Zeit wurden Onlinenachrichten für viele zur täglichen Gewohnheit. Die Redaktionen griffen das auf und aktualisieren häufiger denn je ihre Portale. Und die Anzahl der Artikel steigt und steigt. Ein Vergleich: vor gut fünfzehn Jahren gab es rund vier bis sechs Nachrichten vor den Trallala-Seiten „Panorama, Aus aller Welt, Vermischtes“. Heute sind es zehn bis zwölf. Was ist der Grund? Mehr Nachrichten – oder mehr Artikel?

Zutrauen wächst nicht durch ein Mehr an Informationen und Nachrichten, sondern durch ein Weniger. Wird man davon dümmer? Nein. Blauäugiger? Nein. Potentielles Opfer dreister Populisten? Nein. Denn Nachrichten durchwabern unseren Alltag, selbst wenn alle Nachrichten-Apps und -Lesezeichen gelöscht sind. Auch dann weiß man, wer designierter Außenminister der USA ist, wie die Böhmermann-Sache ausging und wie es um Italiens Banken steht. Und eigenes Denken steht ohnehin frei.

Von Helmut Schmidt hieß es einmal, er lese morgens die Zeitung und schaue abends die Tagesschau. Mehr nicht. Ich kann das nicht nachprüfen, aber jeder kennt einen älteren Menschen, der sich dem durchgängigen Nachrichtenfluss verweigert. Man mag das für ein Privileg des Alters halten, vielleicht sogar des richtig hohen Alters. Man kann das aber auch als Ausdruck derjenigen sehen, die gelernt haben, gut für sich zu sorgen. Um im richtigen Moment entscheidungs- und handlungsfähig zu bleiben.

Und dafür muss man nicht warten, bis man alt wird.

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