Zutrauen – Wahrnehmung

Alles hat zwei Seiten. Eine Binsenweisheit, die jeder schon einmal gehört oder erfahren hat. Vor Gericht, bei einer Trennung, in der Diskussion mit Freunden. Und doch, wie oft verlässt sich jeder nur auf das, was er selbst liest, hört, sieht, blind für alles andere, ausschließlich fixiert auf die eigene Wahrnehmung.

Alles Wissen ist Annäherung. Noch so ein denkwürdiger Satz. Was wissen wir schon? Im postfaktischen Zeitalter ist das eine gewagte Frage. Fakten sind beliebig, zu jedem Streitpunkt gibt es Gutachten und Gegengutachten, Meinungen und Talkshows. Was stimmt letztlich, objektiv, subjektiv, wie auch immer? Das ist oft ungewiss. Und dennoch treffen wir unsere Wahl – augrund unserer Wahrnehmung.

Wahrnehmung. Sie ist rein subjektiv und geprägt von allem Wissen und von allen Erfahrungen, die der Wahrnehmende in seinem Leben gemacht hat, allen bewussten und unbewussten, allen freudvollen und leidvollen. Der Schritt heraus aus der eigenen Wahrnehmung ist unbeliebt, weil er einen Perspektivwechsel erfordert. Und wer verlässt schon gerne seine gut gepflegten Überzeugungen. Es werden immer weniger, die hierfür das Selbstbewusstsein und den Mut haben.

Wahrnehmung ist situations- und standortbezogen, immer nur ein Ausschnitt des großen Ganzen. Das ist wichtig zur eigenen Entlastung, denn der Sack Reis in China hilft mir bei täglichen Entscheidungen in einer europäischen Stadt nicht weiter. Aber manchmal hilft es, sich vor Augen zu führen, dass es den Sack Reis eben auch gibt. Mit seinen ganz eigenen Themen und Herausforderungen.

Haben diese ganzen Überlegungen jetzt hinreichend verunsichert? Ich hoffe es. Denn wir nähern uns langsam dem Kern der Sache.

Wenn Wahrnehmung relativ ist, muss ich mich von ihr nicht einschüchtern lassen. Einmal kurz inne halten und feststellen, wie nehme ich zur Zeit mich und meine Umwelt wahr. Gibt es Probleme, Ängste, Sorgen? Meiner Wahrnehmung nach, ja. Aber es ist „nur“ meine Wahrnehmung, situations- und standortbezogen, geprägt von all dem, was ich mitbringe aus meinem Leben. Aber niemals eine absolute, eine objektive Wahrheit, höchstens eine subjektive Annäherung.

Auf dem Foto oben sieht man eine Landschaft? Oder aber eine Hand, gespiegelt im Seitenfenster des Autos? Was nimmt der Einzelne wahr? Und was ist „richtig“? Genau, beides.

So kann es hilfreich und beruhigend sein, die eigene Wahrnehmung in Frage zu stellen. Denn die Relativität der Wahrnehmung relativiert. Das muss nicht verunsichern, denn das „Ich“ der Wahrnehmung bleibt, aber die Gegenstände der Wahrnehmung können an Bedeutung verlieren. Und das ist gut, wenn sie Angst einjagen oder Probleme darstellen, die zu Bergen anwachsen oder zu überwältigenden Gefühlen werden. Vielleicht ist ja alles gar nicht so schlimm, wie ich es wahrnehme.

Der eigenen Wahrnehmung gelegentlich misstrauen. Das ist Misstrauen, das Zutrauen schafft.

 

 

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