Zutrauen – Ausmisten

Herbstzeit ist Ausmistzeit, ähnlich wie das Frühjahr mit seinem Frühjahrsputz. Die Übergangsjahreszeiten scheinen sich anzubieten für grundsätzliche Aufräumarbeiten. Dem wohnt ein erwartungsfrohes Sich-bereit-machen inne, im Frühjahr für den Sommer, im Herbst für die Weihnachtszeit.

Ausmisten schafft Raum. Ausmisten befreit. Ausmisten macht Platz für Neues. Ausmisten schenkt Selbstvertrauen. Ausmisten kann Zutrauen schenken. Wie das?

Das Wegwerfen und Entsorgen erfordert viele kleine individuelle Entscheidungen. Ob Kleidungsstücke, Bücher, Unterlagen bleiben sollen oder wertschätzend gehen dürfen. So ist das Entsorgen Beispiel der eigenen Selbstwirksamkeit. Das ist eine große Bereicherung, vor allem, wenn diese Selbstwirksamkeit im sonstigen Privat- oder Berufsleben gerade nicht erlebt wird. Und vielleicht ein erster Schritt, sich dessen bewusst zu werden und es zu ändern?

Ausmisten wirkt identitätsstärkend, wenn es möglichst noch mit der richtigen Frage verbunden wird. Rückblickend: Bedeutet mir dieser Gegenstand etwas? Gegenwärtig: Brauche und nutze ich ihn? Und zukünftig: Bringt er mich weiter? Oder fesselt er mich an eine Vergangenheit, die ich längst hinter mir gelassen habe.

Und dann ist da noch die beruhigende Erkenntnis, dass die eigene Identität nicht verloren geht, wenn Dinge gehen. Das ist ein tieferer Grund, warum viele das Ausmisten scheuen: dass Identität sich aus vielen einzelnen Dingen zusammensetzt, mit denen man etwas verbindet. Dass dieser Teil der Identität verschwindet, wenn das Ding in den Müll wandert. Das ist aber nicht so. Es ist schon längst Teil geworden und im besten Wortsinn „einverleibt“. Die gegenständliche Präsenz spielt für die eigene Identität keine große Rolle mehr. Und das Ausmisten solcher Gegenstände zeugt von und schafft Selbstvertrauen. Zurück bleiben Erinnerungstücke, die diese Wertung wirklich verdienen. Inventur der Lebensumgebung.

Und wenn schon die Umgebung befreit wird, warum nicht auch gleich den Geist befreien? Vom normativen Müll und falschen Überzeugungen. Ich bin… ich bin nicht… ich kann nicht… ich darf nicht… ich soll nicht… Ach ja? Warum? Verschwindet Identität wenn solche gedanklichen Normen in den Müll wandern – oder wächst sie etwa? Das hat auch wieder etwas mit Selbstwirksamkeit zu tun, denn ich nehme die Dinge in die Hand und treffe selbst die Entscheidung, wie ich zu eigenen Überzeugungen stehe, ob ich sie behalte oder über Bord werfe. Vorausgesetzt, ich erkenne sie. Oder hole mir Hilfe, sie zu erkennen, denn manches ist für den externen Blick offensichtlicher zu identifizieren, wenn der eigene Blick noch verbaut ist im eigenen Gedankengerüst. Inventur des Selbst. Und dann weg mit überflüssigem Ballast.

Durch Wegwerfen reicher werden. An Selbstvertrauen und Zutrauen.

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