Zutrauen – There is a crack…

„There is a crack in everything, that’s how the light gets in.“ Leonard Cohen hat uns einen wunderbaren Satz geschenkt, der so viel weiter reicht, als der erste Eindruck vermuten lässt. Er ist tröstlich und spendet schon deshalb Zutrauen. Ich darf darauf vertrauen, dass der Riss, der Hoffnungsschimmer irgendwo ist. Aber ich muss mich bewegen, um ihn zu entdecken, muss mich umschauen. Das ist der große Unterschied zum „Licht am Ende des Tunnels“. Das mag kommen, wenn ich den Tunnel nur lange genug durchschreite. Den Riss zu finden, den Hofffnungsschimmer, dafür muss ich vorher aktiv werden. Bevor ich ganz durch den Tunnel gerobbt bin.

Hat das etwas mit Optimismus oder Pessimismus zu tun, dem halbvollen oder halbleeren Glas? Nur am Rande. In der sog. Positiven Psychologie werden zwei Parameter in Beziehung gesetzt: Zeit und Raum. Menschen, die permanente („immer“) und universelle („überall“) Erklärungen für gute Lebensereignisse, jedoch temporäre (zeitlich begrenzte) und spezifische (räumlich begrenzte) Erklärungen für schlechte Lebensereignisse haben, erholen sich von Problemen rascher als andere.* Oder anders: Zuversicht bringt dem Einzelnen die Einstellung, dass alles Gute permanent und universell und alles Schlechte temporär und spezifisch ist. Und da wären wir wieder: „There is a crack…“

Was aber beeinflusst die eigene Einstellung? Vieles. Die eigene Erfahrung, das eigene Erleben, Prägungen, Kindheit, die Umwelt. Kann ich das in Frage stellen oder ändern? Natürlich. Ein großer Schritt und oft nicht einfach, aber die Zauberworte heißen Selbsterkenntnis und Eigenverantwortung. Der erste Schritt ist, seine eigene Einstellung überhaupt zu erkennen. Der zweite Schritt ist, für seine eigene Einstellung aktiv die Verantwortung zu üernehmen. Und sie zu überprüfen oder zu verändern, vor allem wenn man darunter leidet. Sobald Mensch die Opferperspektive hinter sich lässt und in gesunder Eigenverantwortung wächst, ist vieles möglich.

Die Option, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen, besteht immer. Im Chinesischen setzt sich das Zeichen für „Krise“ zusammen aus Teilen der Zeichen für „Gefahr“ und für „Chance“. Die erste Empfinden ist sicherlich oft „Gefahr“. Der Fokus auf „Chance“ jedoch kann Katalysator sein, so schwer das am Anfang auch fallen mag. Behutsame Unterstützung hilft dabei, sei es bei beruflichen Krisen oder privaten Problemen oder auch im Rahmen einer Trennung.

„There is a crack in everything, that‘s how the light gets in.“, das ist schon ganz schön viel Zutrauen. Sich umschauen, umsehen, aktiv werden, Eigenverantwortung übernehmen. Schafft noch mehr Zutrauen.

Anmerkung:

* Martin E.P. Seligman, Der Glücksfaktor, 10. Aufl. Köln 2014, S. 159. (Der englische Titel ist genauer: Authentic Happiness: Using the New Positive Psychology to Realize Your Potential for Lasting Fulfillment).

Advertisements

Zutrauen – Ausmisten

Herbstzeit ist Ausmistzeit, ähnlich wie das Frühjahr mit seinem Frühjahrsputz. Die Übergangsjahreszeiten scheinen sich anzubieten für grundsätzliche Aufräumarbeiten. Dem wohnt ein erwartungsfrohes Sich-bereit-machen inne, im Frühjahr für den Sommer, im Herbst für die Weihnachtszeit.

Ausmisten schafft Raum. Ausmisten befreit. Ausmisten macht Platz für Neues. Ausmisten schenkt Selbstvertrauen. Ausmisten kann Zutrauen schenken. Wie das?

Das Wegwerfen und Entsorgen erfordert viele kleine individuelle Entscheidungen. Ob Kleidungsstücke, Bücher, Unterlagen bleiben sollen oder wertschätzend gehen dürfen. So ist das Entsorgen Beispiel der eigenen Selbstwirksamkeit. Das ist eine große Bereicherung, vor allem, wenn diese Selbstwirksamkeit im sonstigen Privat- oder Berufsleben gerade nicht erlebt wird. Und vielleicht ein erster Schritt, sich dessen bewusst zu werden und es zu ändern?

Ausmisten wirkt identitätsstärkend, wenn es möglichst noch mit der richtigen Frage verbunden wird. Rückblickend: Bedeutet mir dieser Gegenstand etwas? Gegenwärtig: Brauche und nutze ich ihn? Und zukünftig: Bringt er mich weiter? Oder fesselt er mich an eine Vergangenheit, die ich längst hinter mir gelassen habe.

Und dann ist da noch die beruhigende Erkenntnis, dass die eigene Identität nicht verloren geht, wenn Dinge gehen. Das ist ein tieferer Grund, warum viele das Ausmisten scheuen: dass Identität sich aus vielen einzelnen Dingen zusammensetzt, mit denen man etwas verbindet. Dass dieser Teil der Identität verschwindet, wenn das Ding in den Müll wandert. Das ist aber nicht so. Es ist schon längst Teil geworden und im besten Wortsinn „einverleibt“. Die gegenständliche Präsenz spielt für die eigene Identität keine große Rolle mehr. Und das Ausmisten solcher Gegenstände zeugt von und schafft Selbstvertrauen. Zurück bleiben Erinnerungstücke, die diese Wertung wirklich verdienen. Inventur der Lebensumgebung.

Und wenn schon die Umgebung befreit wird, warum nicht auch gleich den Geist befreien? Vom normativen Müll und falschen Überzeugungen. Ich bin… ich bin nicht… ich kann nicht… ich darf nicht… ich soll nicht… Ach ja? Warum? Verschwindet Identität wenn solche gedanklichen Normen in den Müll wandern – oder wächst sie etwa? Das hat auch wieder etwas mit Selbstwirksamkeit zu tun, denn ich nehme die Dinge in die Hand und treffe selbst die Entscheidung, wie ich zu eigenen Überzeugungen stehe, ob ich sie behalte oder über Bord werfe. Vorausgesetzt, ich erkenne sie. Oder hole mir Hilfe, sie zu erkennen, denn manches ist für den externen Blick offensichtlicher zu identifizieren, wenn der eigene Blick noch verbaut ist im eigenen Gedankengerüst. Inventur des Selbst. Und dann weg mit überflüssigem Ballast.

Durch Wegwerfen reicher werden. An Selbstvertrauen und Zutrauen.

Zutrauen – Wahrnehmung

Alles hat zwei Seiten. Eine Binsenweisheit, die jeder schon einmal gehört oder erfahren hat. Vor Gericht, bei einer Trennung, in der Diskussion mit Freunden. Und doch, wie oft verlässt sich jeder nur auf das, was er selbst liest, hört, sieht, blind für alles andere, ausschließlich fixiert auf die eigene Wahrnehmung.

Alles Wissen ist Annäherung. Noch so ein denkwürdiger Satz. Was wissen wir schon? Im postfaktischen Zeitalter ist das eine gewagte Frage. Fakten sind beliebig, zu jedem Streitpunkt gibt es Gutachten und Gegengutachten, Meinungen und Talkshows. Was stimmt letztlich, objektiv, subjektiv, wie auch immer? Das ist oft ungewiss. Und dennoch treffen wir unsere Wahl – augrund unserer Wahrnehmung.

Wahrnehmung. Sie ist rein subjektiv und geprägt von allem Wissen und von allen Erfahrungen, die der Wahrnehmende in seinem Leben gemacht hat, allen bewussten und unbewussten, allen freudvollen und leidvollen. Der Schritt heraus aus der eigenen Wahrnehmung ist unbeliebt, weil er einen Perspektivwechsel erfordert. Und wer verlässt schon gerne seine gut gepflegten Überzeugungen. Es werden immer weniger, die hierfür das Selbstbewusstsein und den Mut haben.

Wahrnehmung ist situations- und standortbezogen, immer nur ein Ausschnitt des großen Ganzen. Das ist wichtig zur eigenen Entlastung, denn der Sack Reis in China hilft mir bei täglichen Entscheidungen in einer europäischen Stadt nicht weiter. Aber manchmal hilft es, sich vor Augen zu führen, dass es den Sack Reis eben auch gibt. Mit seinen ganz eigenen Themen und Herausforderungen.

Haben diese ganzen Überlegungen jetzt hinreichend verunsichert? Ich hoffe es. Denn wir nähern uns langsam dem Kern der Sache.

Wenn Wahrnehmung relativ ist, muss ich mich von ihr nicht einschüchtern lassen. Einmal kurz inne halten und feststellen, wie nehme ich zur Zeit mich und meine Umwelt wahr. Gibt es Probleme, Ängste, Sorgen? Meiner Wahrnehmung nach, ja. Aber es ist „nur“ meine Wahrnehmung, situations- und standortbezogen, geprägt von all dem, was ich mitbringe aus meinem Leben. Aber niemals eine absolute, eine objektive Wahrheit, höchstens eine subjektive Annäherung.

Auf dem Foto oben sieht man eine Landschaft? Oder aber eine Hand, gespiegelt im Seitenfenster des Autos? Was nimmt der Einzelne wahr? Und was ist „richtig“? Genau, beides.

So kann es hilfreich und beruhigend sein, die eigene Wahrnehmung in Frage zu stellen. Denn die Relativität der Wahrnehmung relativiert. Das muss nicht verunsichern, denn das „Ich“ der Wahrnehmung bleibt, aber die Gegenstände der Wahrnehmung können an Bedeutung verlieren. Und das ist gut, wenn sie Angst einjagen oder Probleme darstellen, die zu Bergen anwachsen oder zu überwältigenden Gefühlen werden. Vielleicht ist ja alles gar nicht so schlimm, wie ich es wahrnehme.

Der eigenen Wahrnehmung gelegentlich misstrauen. Das ist Misstrauen, das Zutrauen schafft.

 

 

Zutrauen – Serendipität

Was für ein Wort: Serendipität, engl. serendipity. Es erlebt gerade einen Aufschwung, auch wenn es eine Einstellung beschreibt, die es immer schon gab: ein Nicht-Suchen und doch finden, ein Nicht-Eingreifen und doch erhalten, ein Nicht-zielgerichtet-Handeln und doch erreichen. Im Großen die ungeplante Entdeckung Amerikas und des Penicillins, im Persönlichen eine Methode der Lebensführung, die dem glücklichen Zufall Raum gibt und der großes Zutrauen innewohnt.

Sie entsteht aus der Erkenntnis heraus, dass durch Denken und Handeln nicht alles zu kontrollieren ist. Und allein der Versuch übermäßiger Kontrolle überaus anstrengend sein kann, selbst- und fremdschädigend. Der Verstand versucht im Denken zu greifen, was nicht zu greifen ist, und kann doch das Leben nicht lösen. Durch Handeln scheint vieles möglich und bleibt doch unerreichbar, egal, wieviel Mühe aufgewendet wird. Wird beides im Übermaß betrieben, Denken und Handeln, fehlt Raum für spontane Entwicklung.

Also heißt es, in Vorleistung zu gehen: Denken, Grübeln, Analysieren verabschieden. Handeln, Antreiben, Vorantreiben auf ein notwendiges Maß beschränken. Und den Rest sich selbst überlassen, nämlich den Dingen Gelegenheit geben, sich zu entwickeln. Raum schaffen.

Das ist Zutrauen pur. Was für eine Herausforderung.

Die Dinge laufen lassen, einen Schritt zurücktreten – ist das eine Absage an Leistung und Exzellenz? Aber nein, im Gegenteil. Denn es bedeutet nicht, nur noch halbherzig zu agieren oder im Mittelmaß zu verweilen. Es bedeutet, das Erforderliche in bestmöglicher Art und Weise zu tun, mit ganzem Herzen und allem Können, aber ohne Absichten, die über das bloße Handeln hinausgehen. Und dann loslassen und den Dingen Raum geben.

Konkret bedeutet das etwa, im Privaten persönliche Ziele definieren und dann loslassen. Schauen, was sich ergibt. Beruflich bestmögliche Ergebnisse zu produzieren und nicht anhaften. Schauen, was das bewirkt. Freundschaften und Netzwerke zu pflegen und ohne Druck zusehen, was sich entwickelt. Partnerschaft leben und bei sich bleiben. Schauen, wie sich das auswirkt.

Serendipität, was für ein wunderbares Wort. Das es noch nicht in den Duden geschafft hat, aber in das ein oder andere Lebensgefühl. Voller Zutrauen.

Zutrauen – Werte

Was haben Zutrauen und der altmodisch anmutende Begriff der „Werte“ miteinander zu tun? Eine Menge. Aber das erfordert zunächst einmal eine Begriffsklärung.

„Werte“, das meint weder extern auferlegte Regeln – gesellschaftliche, soziale – noch althergebrachte und ohne eigenes Nachdenken übernommene, konservierte Überzeugungen und Standpunkte. „Werte“ meint kein politisches Programm und keine religiös verwurzelten Ansichten. All das kann sich in individuellen Werten widerspiegeln, muss es aber nicht. Denn hier geht es um die eigenen, die autonomen Werte, die jeder Mensch für sich selbst definiert und lebt. Wenn äußere Regeln bewusst miteinfließen, gut. Wenn nicht, auch gut.

Das klingt immer noch altmodisch?

Nun: Die eigenen Werte zu entdecken und nach ihnen zu handeln, ist brandaktuell. Denn in einer Welt, die immer bunter wird und immer mehr Handlungsmöglichkeiten eröffnet, braucht es einen inneren Kompass, der zum eigenen Wohl navigiert. Dabei sind „Werte“ positiv besetzte Grundsätze, etwas zutiefst Gutes, ethisch akzeptabel oder zumindest neutral. Beispiele für positive individuelle Werte sind etwa: Freundschaft, Familie, Zuverlässigkeit, Loyalität, Wissen, Unabhängigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Sicherheit, Freiheit. So sind die positiven Werte individuelle Handlungsmaximen, die sich im günstigsten Fall als roter Faden durch alle größeren und kleineren Entscheidungen ziehen. Die ihre Grenzen finden an den Rechten Anderer.

Es gibt Werte, nach denen jeder – oft unbewusst – schon immer handelt. Und es gibt Werte, die manche neu für sich entdecken und ihr Handeln danach ausrichten. Aber wer macht sich darüber im Alltag schon Gedanken. Denn Probleme mit den eigenen Werten gibt es nur, wenn jemand gegen seine eigenen Werte handelt – oder glaubt handeln zu müssen, weil eigenes, wertgerechtes Handeln scheinbar mit den Erwartungen Anderer kollidiert. Kurz also, mit den Werten Anderer nicht übereinstimmt. Das kann sich sogar körperlich äußern als innere Unruhe, Schlaflosigkeit oder endloses Grübeln. Oder mangelndem Zutrauen. Dann stimmt etwas nicht.

Was tun?

Bei den eigenen Werten bleiben. Ohne Wenn und Aber. Oft bedeutet das, sie erst einmal herauszufinden, sich klar zu werden über die eigene Leitlinie, die eigene goldene Richtschnur. So ist es immer wieder ein Erlebnis, in der Beratung die individuellen Werte herauszuarbeiten, ein Aha-Erlebnis sondergleichen, das in der Regel schlagartig zu innerer Klarheit und Entspannung führt. Oft eingeleitet mit dem Wort „Eigentlich…“.

Und das ist noch nicht das Ende. Denn Werte können der individuelle Leitfaden für größere und kleinere Entscheidungen sein, aber auch Leitsterne für individuelle Ziele. Daran scheitern ja die meisten selbst gesetzten Ziele: sie wurzeln nicht in den eigenen Werten, sondern kommen von außen. „Man sollte…, man müsste…“. Solange solche Ziele nicht in den eigenen Werten verankert sind, verpuffen sie allzu schnell. Und andererseits möge jeder einmal an Menschen denken, die sie oder ihn beeindrucken. Das sind in der Regel Menschen mit einem starken inneren Gerüst, einem stabilen und bewussten Wertekanon. Eine Eigenschaft, die jeder für sich erreichen kann.

Wertgeleitete Entscheidungen treffen und wertbasierte Ziele definieren, das schafft tiefe Zufriedenheit. Und damit ganz nebenbei wieder Zutrauen.

Zutrauen – Das Eine

Was treibt dich an? Was begeistert dich? Wofür brennst du? Was haut dich um? Worüber vergisst du die Zeit? Oder weißt du das nicht…. nicht mehr?

Das Eine. Nicht die Eine, nicht der Eine, kein Mensch, der scheinbar zum großen Glück beiträgt oder fehlt. Sondern das Eine, das eine große Interesse, die eine große Leidenschaft. Die den Platz einnimmt, den sonst Angst und Sorge beanspruchen könnten.

Manche Menschen können spontan benennen, wofür ihr Herz schlägt. Meistens mit einem Leuchten in den Augen, Ausstrahlung, um die sich niemand bemühen muss. Manchen Menschen sieht man ihr Eines an, sie wirken zufrieden, selbstvergessen, schweben. Andere sind noch auf der Suche oder haben das Eine verloren, über die Jahre und die Ereignisse.

Dabei kommt das Eine oft einfach und schlicht daher, es kostet nicht viel Geld, ist nicht im Supermarkt erhältlich, auch nicht in der Boutique, beim Juwelier oder in der Kneipe. Aber das Eine beansprucht etwas ganz Wesentliches: es kostet Zeit. Und das ist oft das Problem.

Was tun? Es gibt so einen schönen Begriff im Japanischen: Kaizen. Kaizen, das bedeutet übersetzt „die Veränderung zum Besseren“. Es ist eine Managementmethode, aber auch ein philosophischer Ansatz. Der Kern: ein schrittweises Streben nach Veränderung. Der Mindestaufwand: 1 Minute. Wie bitte? 1 Minute? Ja. Das reicht für den Anfang, und so ist ein Anfang schnell gemacht.

Eine Minute für das Eine.

Eine Minute nichts anderes machen als innehalten, in sich hineinhören und schauen, was passiert. Welche Ideen kommen, was könnte interessieren, wofür schlägt das Herz. Es wird sich etwas finden, denn es ist alles schon da. Alle Fragen und alle Antworten. Vielleicht nicht beim ersten Mal, aber mit etwas Geduld in einer der Kaizen-Minuten der folgenden Tage. Wer möchte, steigert die Zeit behutsam, ein, zwei Minuten mehr, doch zunächst höchstens 15 Minuten. Das reicht völlig.

Am Anfang steht das Finden des Einen, dann ergibt sich die Umsetzung ganz von selbst. Was soll das sein? Das weiß jeder selbst. Basteln, Malen, Kochen, Backen, Vogelstimmen bestimmen, Hollywoodfilme der 50er Jahre, gesammelte Werke von…, Gedichte der Gegenwart, Lesen, Vorlesen, Theater, Singen, Joggen, Mountain Biken, Segeln, Surfen. So individuell unterschiedlich, wie wir alle sind, so unterschiedlich ist das Eine. Ohne die Pflicht, irgendetwas zu rechtfertigen oder zu begründen.

Irgendwann könnte man sich fragen, Mensch, warum bin ich darauf noch nicht früher gekommen?  Vermutlich weil ich keinen Raum geschaffen habe, um auf diese Idee zu kommen. Aber jetzt darf sich das Eine ausbreiten, Raum einnehmen, Zeit beanspruchen im eigenen Leben. Wenn Herz, Bauch und Kopf mit dem Einen beschäftigt sind, sind Angst und Sorge passé, kann Zutrauen entstehen oder wachsen. Ganz von selbst.

Mehr Zutrauen? Don’t be hobbylos.

Zutrauen – Klarheit

Eigentlich. Wer hat dieses Wort bloß erfunden? Es könnte alles so schön sein, aber eigentlich… möchte ich dieses Buch nicht weiterlesen, möchte ich diesen Joghurt nicht essen, möchte ich diese Verabredung nicht wahrnehmen…  würde eigentlich lieber schwimmen als joggen, lieber faulenzen als bügeln, lieber helfen, statt nur zuzuschauen …  tja, eigentlich würde ich gerne ein ganz anderes Leben führen. Persönliche Klarheit ist etwas anderes.

Und doch ist dieses Wort nicht wegzubekommen, benutzen es viele, die nicht anecken wollen, die nicht genau wissen, was sie wollen oder es vielleicht wissen, aber nicht sagen wollen. „Eigentlich nicht“ statt Nein, „eigentlich schon“ statt Ja. Was für ein riesiger Unterschied, sprachlich und atmosphärisch, so beliebig in der Absage wie in der Zustimmung. Schlimmer noch, dieses Wort signalisiert Diskussionsbereitschaft, die eigentlich gar nicht besteht.

Eigentlich, das ist die wortgewordene Warteschleife der persönlichen Vorstellungen, Wünsche und Bedürfnisse. Dabei bedeutet es „in Wirklichkeit, im Grunde“, oder „in echt“. Das ist der Schlüssel. Wenn man das erkannt hat, ist der Weg zu mehr persönlicher, innerer Klarheit nicht weit. Dann kann dieses Wort als Marker fungieren, zu zeigen, was einem wirklich wichtig ist. Wie das?

Denken bestimmt die Worte und Worte bestimmen das Denken, auch Framing genannt. Eine Anregung für einen Versuch: in den nächsten drei Wochen das Wort „eigentlich“ herunterschlucken, immer dann, wenn es auf der Zunge liegt. Und überlegen, was man gerade sagen wollte und warum man es verschleiert und relativiert. Was einen hindert zu sagen oder zu tun, was man „eigentlich“ sagen oder tun will. Mancher entdeckt dabei eine Rücksichtnahme, die das Gegenüber schützen soll. Das kann gut sein, angebracht, den Grundsätzen von Menschlichkeit und Höflichkeit entsprechen. Und darf dennoch hinterfragt werden. Mancher könnte dabei aber auch Angst entdecken, Sorge, sich seiner eigenen Vorstellungen gewahr zu werden oder für sie einzustehen. Und das dürfte zum Nachdenken anregen.

Was hat Klarheit nun mit Zutrauen zu tun? Eine Menge. Wer über seine eigenen Vorstellungen und Wünsche im Unklaren ist oder sie nicht formulieren kann, wird Schwierigkeiten haben, Zutrauen zu entwickeln. Wie auch, die Basis fehlt, es gibt keinen Nährboden für Zutrauen, keinen Ankerpunkt in eigenen Überzeugungen. Der Weg zu mehr Klarheit ist ein erster und ganz persönlicher Schritt zu mehr Zutrauen. Der sich bewusst im Mikrokosmos abspielt, aber letztlich Auswirkungen hat auf das Zutrauen im großen Ganzen.

Von der Klarheit zum Zutrauen, ein großer Schritt? Eigentlich nicht.

Zutrauen – Information Overload

Kennt Ihr das? Den Sog der schlechten Nachricht? Schlechte Nachrichten haben eine Tendenz, sich zu vervielfachen, über die Tage immer mehr und immer abgründiger zu werden, wenn aufgedeckt wird, was alles schief gegangen ist. Information Overload. Das ist ein Angebot der Nachrichtenredaktionen, das auf breite Nachfrage trifft, oder ist es andersherum? Warum verfolgen manche stündlich die aktuellen Entwicklungen, online, auf dem Smartphone, hautnah dran?

Die Beweggründe sind zahlreich und stecken tief im Innersten. Manche treibt der Wunsch, dass doch nicht alles so schlimm ist, wie geschildert, dass doch irgendwo das Samenkorn Hoffnung versteckt ist. Andere wollen Sicherheit, wollen Erfahrung generieren für ihr eigenes Leben, das hätte ich nicht gemacht, so nicht gemacht, puh, Glück gehabt. Und viele treibt das Mitgefühl, das Mitleid, und häufig doch nur das schwache, selbstreflexive Mitleid, die „Ungeduld des Herzens“, über die Stefan Zweig nachdachte, nicht das zupackende, teilnehmende, schöpferische Mitgefühl.

Wie immer auch nun die Beweggründe sein mögen, ein Mehr an Informationen führt nicht zu einem Mehr an Zutrauen, ganz im Gegenteil. Doch die schlechte Nachricht ist nicht mehr zu ändern und lässt sich nicht verbannen. Es bleibt, kurz inne zu halten, von Herzen mitzufühlen, ein Gedenken an Betroffene. Wer kann, hilft, jeder auf seine Weise. Und dann ein Nachrichtencut. Alles, was folgt, verwässert, verstört, verwirrt. Und kann zermürben.

Im Rückblick begann der Information Overload mit dem furchtbaren Terror vom 11. September 2001. Damals erlebten Nachrichten-Onlineportale ungeheuren Zulauf, und in der nachfolgenden Zeit wurden Onlinenachrichten für viele zur täglichen Gewohnheit. Die Redaktionen griffen das auf und aktualisieren häufiger denn je ihre Portale. Und die Anzahl der Artikel steigt und steigt. Ein Vergleich: vor gut fünfzehn Jahren gab es rund vier bis sechs Nachrichten vor den Trallala-Seiten „Panorama, Aus aller Welt, Vermischtes“. Heute sind es zehn bis zwölf. Was ist der Grund? Mehr Nachrichten – oder mehr Artikel?

Zutrauen wächst nicht durch ein Mehr an Informationen und Nachrichten, sondern durch ein Weniger. Wird man davon dümmer? Nein. Blauäugiger? Nein. Potentielles Opfer dreister Populisten? Nein. Denn Nachrichten durchwabern unseren Alltag, selbst wenn alle Nachrichten-Apps und -Lesezeichen gelöscht sind. Auch dann weiß man, wer designierter Außenminister der USA ist, wie die Böhmermann-Sache ausging und wie es um Italiens Banken steht. Und eigenes Denken steht ohnehin frei.

Von Helmut Schmidt hieß es einmal, er lese morgens die Zeitung und schaue abends die Tagesschau. Mehr nicht. Ich kann das nicht nachprüfen, aber jeder kennt einen älteren Menschen, der sich dem durchgängigen Nachrichtenfluss verweigert. Man mag das für ein Privileg des Alters halten, vielleicht sogar des richtig hohen Alters. Man kann das aber auch als Ausdruck derjenigen sehen, die gelernt haben, gut für sich zu sorgen. Um im richtigen Moment entscheidungs- und handlungsfähig zu bleiben.

Und dafür muss man nicht warten, bis man alt wird.

Zutrauen – Ein Jahresprojekt

Zum Jahreswechsel schauen alle gewohnheitsmäßig zurück und nach vorne. Aber was ist das dieses Jahr für ein Blick: Die Durchsicht von Zeitungen, Magazinen und auch Blogs zeigt, dass das zurückliegende Jahr als besonders schlimm und erschütternd empfunden wurde, jeder hat die furchtbaren Nachrichten präsent, Tod, Terror, Krieg, dazu Nachrichten, die als schlecht empfunden werden, weil sie deutschen Gewohnheiten und Erwartungen nicht entsprachen. Das beunruhigt und verängstigt. Dem neuen Jahr begegnen viele mit Skepsis, es ist wohl nichts Besseres zu erwarten, im Gegenteil. Die globalen Entwicklungen verunsichern zutiefst, die Nachrichtenlage scheint eindeutig und das Glas ist dauerhaft halbvoll.

Und auf der anderen Seite fordert die Politik Zuversicht und Furchtlosigkeit, Widerstand gegen diese Entwicklungen, kurz Zutrauen in das, was da kommen mag. Aber was tun mit der diffusen Angst und Sorge, vieles werde sich zum Schlechten wenden? Wo sind die Wege, die Zutrauen wachsen lassen, allen Unkenrufen zum Trotz? Denn „Angst ist ein schlechter Berater“ und erschwert vernünftige Entscheidungen und individuelle Lebensfreude sowieso.

Im Konzert der nachdenklichen und sorgenvollen Rückblicke gibt es auch die anderen Beispiele, Menschen, die auf das Jahr 2016 zurückblicken und sagen, das war ein gutes Jahr. Wie kommen sie zu dieser Einschätzung? Worauf konzentrieren sie sich, wo liegt ihr Geheimnis? Welches Verhalten, welche Einstellungen führen zu mehr individuellem Zutrauen und weniger diffuser Angst?

Damit will ich mich bei diesem Jahresprojekt in loser Folge beschäftigen. Dabei möchte ich bewährte Maßnahmen vorstellen und neue Maßnahmen untersuchen, die zu mehr Zutrauen führen können. Denen allen eins gemeinsam ist: sie fangen beim Einzelnen selbst an, nirgendwo anders, es ist alles bereits da, denn die Welt wird sich nicht ändern, nur weil ich es angstgetrieben gerne hätte. Aber sie kann sich ändern, Stück für Stück, wenn ich mit Zutrauen meinen Weg gehe.

Ein Patentrezept gibt es nicht, aber viele kleine Bausteine. Mehr denn je würde ich mich über einen Austausch in diesem Blog freuen, denn sicherlich haben viele eigene Erfahrungen gemacht, die sie teilen möchten. Just do it.

In diesem Sinne ein frohes Neues Jahr.

Hieronymus Bosch

Der große Maler und Visionär, geboren um 1450, gestorben 1516, zum 500. Todestag gab es 2016 europaweit große Werkschauen. Viel produziert hat er nicht, es sind knapp über 20 Werke, die ihm zugeschrieben werden, aber die haben es in sich. Allen vorweg die dreigliedrigen Altarbilder, sie faszinieren seit 500 Jahren und immer noch, Der Heuwagen, Die Versuchung des heiligen Antonius, Der Garten der Lüste. Es mögen kunsthistorisch Berufenere im Einzelnen zu Hieronymus Bosch‘ Leben und Werken Stellung nehmen, hier soll es um etwas anderes gehen: Um grenzenlose Fantasie. Und um Mut.

Was hat er sich nur dabei gedacht? Bei diesen Wimmelbildern für Erwachsene, beim Po mit den Beinen, beim Messer zwischen riesenhaften Ohren, beim Waldmenschen, der freundlich und direkt aus dem Bild herausschaut, bei fliegenden Fischen und einem Satan, der Menschen frisst und gleich wieder ausscheidet. Unheimlich? Auch. Aber auf eine eigentümliche Art und Weise wissend und anrührend zugleich, Kunst, die auch nach 500 Jahren im digitalen Zeitalter berührt und nachdenklich stimmt, mehr noch: gegen die Wesen, die Bosch sich ausdachte, sind viele gegenwärtige Horrorgestalten Kindergeburtstag. In Zeiten blutrünstiger Filmwerke und bluttriefender, hochgradig grausamer Kriminalromane aktueller denn je. Bosch könnte sich problemlos einreihen ins Jetzt und wäre auch heute noch erfolgreich. Ein Visionär, Fantast, Ausnahmekünstler.

Ob er sich mutig gefühlt hat? Denn Mut kommt als zweites in den Sinn, wenn man die Werke betrachtet, Mut, das zu malen, was man dort sieht. Getümmel, Menschen, Mord, paradiesische Zustände, Tiere und Früchte, das pralle Leben und Folter und Gräuel. Ein Nebeneinander, das erschauern lässt, aber nur kurz, zu dicht ist die Darstellung und regt an zum Nachdenken über die Polarität des Lebens, das mittelalterliche Selbstverständnis, auch die mittelalterliche Demut. Abbild und Mahnung zugleich, aber so etwas musste man damals erst mal auf die Leinwand bringen. Sich trauen, Szenen zu malen, die Schauer verursachen und Furcht und Schrecken und gerade wegen ihrer Perfektion und Meisterschaft verführen, den Blick nicht abzuwenden, sondern hinzuschauen. Und doch hat Hieronymus Bosch den Menschen viel zugemutet und tut es immer noch. Mutig.

Das ist es, was den Gegenwartmenschen fasziniert: er hat sein Ding gemacht, so wie er es für richtig hielt. Und was er sich dabei gedacht hat? Wir werden es nie erfahren. Auch das hat seinen Reiz.