Ein Leben mehr

Ich mag Bücher, die das Bauchempfinden umschmeicheln, das Herz berühren und den Geist erfrischen. „Ein Leben mehr“ von Jocelyne Saucier erfüllt diese Bedingungen. Es ist weise und sanft, originell und märchenhaft, intelligent und charmant und zeugt von großer Menschlichkeit und Empathie.

In den Wäldern Nordkanadas hausen drei alte Männer in einer Einsiedelei, jeder für sich in einer eigenen Hütte, getrennt und doch zusammen. Eines Tages kommt eine jüngere Fotografin sie besuchen und stökert sie auf und sich gleich mit. Die Fotografin ist auf der Suche nach einem der letzten Überlebenden der Großen Brände, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Ontario wüteten und vermutet ihn unter den drei Männern. Es dauert nicht lange und das Camp der Alten erfährt weiteren Zuwachs und ein paar andere Personen spielen auch noch eine Rolle. Die Geschichte entwickelt sich.

„Eine Geschichte, in der es um Menschen geht, die spurlos verschwinden, um einen Todespakt, der dem Leben sein Salz gibt, um den unwiderstehlichen Ruf der Wildnis und um die Liebe, die dem Leben seinen Sinn gibt.“ (S. 7, erster Satz)

Ja, es geht um die Liebe, eine ganz frische gegenwärtige, die sich gerade erst entwickelt, zart wie eine Daunenfeder und unwirklich, und um eine vergangene Liebe, die es schwer hatte und nicht gelingen wollte, und um die zukünftige Liebe, die noch gar nicht gefunden wurde. Und um die Freiheit geht es, die Freiheit zu leben, wie man will, und zu sterben. Um das Altern in Würde und nach eigenen Vorstellungen und um den Drang der Jüngeren, allem auf den Grund zu gehen. Und um Verletzungen und Erlebnisse, die ein Leben lang fortwirken.

Ganz wunderbar ist die Erzählweise der Autorin, die Sprache sowieso, aber auch die Struktur. Sie stellt jedem Kapitel eine Art Zusammenfassung oder Kommentar vorneweg, das erinnert an den Chor in der griechischen Antike, der kommentierte und informierte, um das Verständnis des Stückes zu erleichtern. So ist es auch hier, wir werden von einem allwissenden Erzähler geführt, der fast in einen geheimen Dialog mit dem Leser eintritt, so als würden beide die Entwicklung der Geschichte gemeinsam betrachten, das ist geistreich und macht Freude. Anfangs wechseln auch die Erzählperspektiven in den Kapiteln, jeder Protagonist schildert seine Wahrnehmung, setzt seine Schwerpunkte, fügt so Baustein an Baustein, bis alle beieinander sind und die Geschichte etwa ab der Hälfte von einem außenstehenden Erzähler forterzählt wird.

Ein kleines feines Buch, das wohltuend erquickt, international sehr erfolgreich ist und bereits verfilmt wird. Man sollte es wohl wie so oft vorher lesen.

Anmerkung:

Jocelyne Saucier, Ein Leben mehr, 2015, 5. Aufl. 2016, erschienen im Insel Verlag Berlin.

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Stoner

Manchmal werden Bücher hochgelobt, freudig bestellt und erwartet und bescheren nette Stunden. Und manchmal kommen sie ganz unaufgeregt und zufällig daher und entpuppen sich als  unverhoffte Glücksmomente, als echte Abtauchbücher, und wenn man nach zwei, drei Tagen ganz benommen wieder aus ihnen auftaucht, ist man innerlich reicher geworden. Und weiter. „Stoner“ ist so ein Buch der zweiten Kategorie.

Es geht um das Leben eines Mannes, William Stoner, der ursprünglich von einer Farm stammt und nach einem landwirtschaftlichen Studium in Missouri dorthin auch wieder zurückkehren sollte – eigentlich, denn „Erst in seinem zweiten Jahr sollte William Stoner erfahren, warum er ans College gekommen war.“ (S. 15) Er belegt an der Universität einen Pflichtkurs „Einführung in die englische Literatur“, und angesichts eines Sonetts von Shakespeare soll er erläutern, was es bedeutet:

„Stoner hob langsam und zögerlich den Blick. ‚Es bedeutet‘, sagte er und streckte mit vager Bewegung die Hände in die Höhe, wobei er spürte, wie sein Blick die Gestalt von Archer Sloane suchte und zugleich glasig wurde. ‚Es bedeutet‘, sagte er noch einmal, konnte aber nicht beenden, was er zu sagen begonnen hatte.“ (S. 20)

Das ist die Sprachlosigkeit eines sensiblen Menschen, der etwas angesichtig wird, das so viel größer ist als er, der Literatur. Es ist um ihn geschehen, er wechselt das Studienfach und macht seinen Weg, seinen Doktor in Philosophie, wird Professor am Fachbereich Englisch, sein Leben lang. Das ist der Universitätsroman, hier beschreibt „Stoner“ den Werdegang dieses Mannes, seinen Unterricht, seine Prinzipien, universitäre Animositäten und Intrigen. Aber vor allem eines: seine große und tiefe Liebe zur englischen Literatur, die ihn bis an sein Lebensende nicht loslässt. Und für die – und nur die – er bereit ist, sich aufzubäumen, zu streiten. Und die die einzige Geliebte ist, die er festzuhalten vermag.

Aber „Stoner“ ist noch so viel mehr, es ist ein Buch über eine Männerfreundschaft, die klein anfängt und wächst, Jahrzehnte besteht, geprüft wird und standhält. Und es ist ein Buch über eine Ehe und über die romantische Liebe, was in diesem Fall nicht dasselbe ist. Stoner verliebt sich als junger Mann, heiratet schnell. Edith, seine Ehefrau, ist ein gequälter Mensch, wahrscheinlich früh in ihrer Persönlichkeit gestört, so, wie sie später mit ihrem Kinderspielzeug umgeht. Die Ehe ist so unglücklich, dass es fast körperlich schmerzt, so viel darf ich verraten, denn es wird schnell klar. Sie bekommen eine Tochter, Grace, die Stoner über alles liebt. Stoner ist es, der sie in den ersten Jahren fürsorglich und zugeneigt umsorgt, als seine Frau dazu nicht in der Lage ist. Im Laufe der Zeit wird die Ehe zur Qual, führt schließlich auch zur Entfremdung von der Tochter. Noch einmal scheint die Liebe in William Stoners Leben, die Liebe zu einer Frau, die so viel besser zu ihm zu passen scheint und seine andere große Liebe zur Literatur teilt und schätzt. Die ihn in dieser Liebe sein lässt und versteht. Dieses Glück ist nicht von Dauer, zurück bleibt ein innerlich zerbrochener Stoner. Der versucht, sein Leben weiterzuleben. Und sich arrangiert.

Der Verlag bewirbt dieses Buch mit dem Satz: „Es ist ein Roman darüber, was es heißt ein Mensch zu sein.“ Große Worte. Was sollen sie bedeuten? Ein Mensch, der sich treu bleibt, William Stoner, der immer so handelt, wie er handeln muss? Oder besser: nicht handelt? Ist das Mensch-Sein? Das reicht mir nicht.

Aber vielleicht das: es scheinen immer wieder feine Grenzziehungen auf in diesem wunderbar, leicht melancholisch erzählten Buch, die Ambivalenz menschlichen Lebens. Man kann es so sehen – aber vielleicht auch ganz anders. William Stoner ist ein Mensch, der sich treu bleibt. Oder vielleicht nicht aus seiner Haut heraus kann? Der unbeirrt seinen Weg geht. Oder doch nur unbeweglich ist? Der in der Mitte seines Lebens seine große Liebe trifft. Oder ist es doch nur eine klassische Midlife-Crisis? Und gäbe es diese Liebe auch ohne die gemeinsame Liebe zur Literatur? Er erträgt seine Ehe und nimmt hin, was ihm geschieht. Zeigt das Größe oder Schwäche? Denn es sind auch schlimme Demütigungen, die er in dieser Partnerschaft erfährt, und er verteidigt seine Würde nicht. Oder doch? Indem er bei sich bleibt? Und welchen Anteil trägt er an dieser Ehe und an der Entfremdung von seiner Tochter durch sein Nichteingreifen – können oder wollen?

Das So-Sein und nicht anders können. Das Geschehen-Lassen und Zulassen. Stilles Erdulden ohne einzugreifen. Wie weit darf das gehen?

„Sie unterhielten sich bis zum Morgengrauen, als wären sie alte Freunde. Und Stoner sah ein, dass sie, ganz wie sie behauptet hatte, in ihrer Verzweiflung beinahe glücklich war; sie würde ihr Leben ruhig zu Ende leben, würde ein wenig mehr trinken, Jahr um Jahr, und sich gegen das Nichts betäuben, zu dem ihr Leben geworden war. Er war froh, dass sie wenigstens das hatte, dankbar dafür, dass sie trinken konnte.“ (S. 312)

Wenn William Stoner nicht so ein empfindsamer Mann wäre. Wenn dieses Buch nicht so ruhig und unaufgeregt, etwas altmodisch erzählt würde. Wenn es dadurch nicht in seinen Bann ziehen würde. Dann könnte man manchmal wütend werden auf all das, was so geschieht in Stoners Leben und auf das er keine Antworten hat.

Oder hat er sie doch?

Anmerkungen:

John Williams, Stoner, 6. Aufl. 2016 erschienen bei dtv.

Eine Schachtel Streichhölzer

Es gibt ein Problem: die Besprechung eines Buches sollte nicht länger sein als das Buch selbst, nun das ist schwierig, denn „Eine Schachtel Streichhölzer“ von Nicholson Baker hat selbst nur 150 Seiten und es ist nahezu unmöglich, eine Handlung zusammenzufassen, denn einerseits: es passiert nichts. Und andererseits: es passiert sehr viel, nur nicht das, was man von einem Roman gemeinhin erwartet.

Doch der Reihe nach: wir lernen den Familienvater Emmett kennen, der im Januar jeden Morgen früher als vom Tagesablauf erforderlich aufsteht, um sich Kaffee zuzubereiten, mit einem Streichholz den Kamin anzuzünden, und der während des Kaffeetrinkens im Dunkeln seine Gedanken schweifen lässt, über sich, über tägliche Verrichtungen und Kleinigkeiten. Emmett steht in der Mitte seines Lebens, Stück für Stück lernt man die Familie kennen, seine Frau Claire, die Tochter Phoebe und den Sohn Henry. Er liebt seine Familie, es gibt keine ausgeprägten Hochs oder Tiefs, sein Leben und seine Gedanken plätschern dahin. 33 Streichhölzer sind in einer Packung, 33 Morgen begegnen wir Emmett, 33 kurze Kapitel ist das Buch lang, nur für diese Zeit steht er früher auf und denkt intensiver nach als er es sonst morgens unter der Dusche bei seinem „Morgendenken“ tut. Auslöser ist ein Ausflug: „Claire ist mit uns an Neujahr den Sonnenaufgang ansehen gefahren und das hat mich verändert. (…) Man möchte was tun, wenn die Welt noch still ist; Stille und Menschenleere sind dann der Treibstoff.“ (S. 124)

In dieser morgendlichen Stille nimmt Emmett seine Erinnerungen, kleine Macken und über die Jahre entwickelte Vorlieben, betrachtet sie intensiv und von allen Seiten und gibt sie weiter an den Leser. Manchmal spricht er den Leser direkt an, manchmal durchbrechen seine Gedanken den Augenblick und kratzen an der Vergänglichkeit. Das sind nur kurze Momente, Gedanken beim Haarewaschen des achtjährigen Sohnes, merkwürdige Einschlafträume in Form von Selbstmordphantasien, der Tod der Großmutter wird vage gestreift. Diese Momente sind es aber, die dem Buch die erforderliche Tiefe geben, vielleicht auch den Sinn, weil sie das Beschreiben des Alltäglichen einordnen in den Lauf der Zeit und letztlich das Altern. Über eine alternde Ameise namens Fides sagt Emmett: „Fides hielt sich durch Arbeit am Leben, daher war sie für mich ein gutes Beispiel.“ (S. 139)

Doch es ist kein melancholisches Buch, es ist getragen von einer ruhigen Gelassenheit. Und es lädt ein, sich gerade auf die detailreichen Beschreibungen Emmetts einzulassen, sie und sich zu spiegeln und vielleicht bewusst zu werden, dass es  gerade diese Aneinanderreihung von Mikrotätigkeiten und Mikroereignissen ist, die in der Summe ein Leben ausmacht. Die es deshalb wert sind, genauer betrachtet zu werden. Ein ruhiges, wohlwollendes Betrachten, das nur in der Stille und Dunkelheit eines frühen Morgens möglich ist, wenn man noch nicht von Tagesreizen überflutet ist und die Wucht der Normalität aushalten kann, die im Gewahrwerden dieser Mikrotätigkeiten liegt.

So zündet „Eine Schachtel Streichhölzer“ nur, wenn man bereit ist, Emmetts Beobachtungen des Alltäglichen anzunehmen. Dann kann es ein paar achtsame, vielleicht sogar nachdenkliche Momente des Lesens und Innehaltens bescheren.

Anmerkungen:

Nicholson Baker, Eine Schachtel Streichhölzer, 2005/2013, erschienen bei Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Bull Mountain

Wahrscheinlich ist es ein Männerbuch. Wahrscheinlich auch nichts für ganz zarte Nerven, denn getötet wird auch, manchmal recht fies. Wohl deshalb wird es beworben mit markigen Sprüchen, Bruder gegen Bruder im drogenverdammten Süden (James Ellroy), gefühlt ist es zumindest ein wilder Atmosphärenmix aus Jerry Cotton und ein bisschen Breaking Bad, Sonne im Rücken, die große Aufgabe zu erledigen, Gut gegen Böse, ein paar Frauen mischen auch mit, nicht unwesentlich übrigens. Aber eins vor allem: spannend. Und packend geschrieben, nicht umsonst bringt ausgerechnet der Suhrkamp Verlag die deutsche Erstausgabe heraus.

Kain und Abel in Georgia, es geht um die letzten Überlebenden der seit drei Generationen illegal agierenden Borroughs-Familie, Schwarzgebrannter, Hasch und Crystal Meth sind die Geschäftsgrundlagen, verteidigt mit illegal hergestellten Waffen, im großen Format. Zwei von drei Brüdern sind noch übrig, der Böse, Halford Borroughs, der dem kriminellen Clan vorsteht, und der Gute, Clayton Borroughs, der die Seiten gewechselt hat, als er Sheriff wurde. Ein zwielichtiger Bundesagent, Simon Holly, nimmt Kontakt auf zu Clayton Borroughs, will ihn gewinnen, um seinem Bruder Halford das Handwerk zu legen, aber auch, um diesen aus der Schusslinie zu nehmen, denn es geht um noch ein paar weitere Kriminelle in Florida, auf die Holly es außerdem abgesehen hat.

Die Erzählung springt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her, jedes Kapitel freundlicherweise entsprechend überschrieben, auf eine Hauptperson gemünzt und mit Jahreszahl versehen, es fällt leicht, alles einzuordnen, und so fügen sich nach und nach Vergangenheit und Gegenwart zu einem Gesamtbild. Mich beschlich beim Lesen die Vorstellung, dass es gut verfilmt werden könnte mit gleich den passenden Schauspielern vor Augen, Brad Pitt natürlich, wahlweise gut oder böse, und unbedingt auch Matthew McConaughey, so authentisch und ernsthaft, wie er in der ersten Staffel von True Detective eine Meisterleistung vollbrachte, er wäre ein guter Simon Holly.

Dieses Erstlingswerk ist flüssig und einnehmend geschrieben, verlangt keine großartigen Verständnisleistungen, lässt sich nett weglesen und unterhält dabei diejenigen, die der ein oder andere Tote nicht stört. Ausgerechnet im Showdown am Ende gibt es einen Flüchtigkeitsfehler, wenn Colt, Waffe und Gewehrlauf verwechselt werden (S. 311/312), aber das lässt sich ausmerzen in der nächsten Auflage; dem Vernehmen nach schreibt der Autor auch schon an einer Fortsetzung.

Bull Mountain, let’s rock it.

Anmerkungen:

Brian Panowich, Bull Mountain, 2016, erschienen im Suhrkamp Taschenbuch Verlag.

 

Wassermusik

Lasst uns auf einen Trip gehen. Lasst uns in Sprache eintauchen, so ungeheuerlich und unbändig, wie lange nicht gelesen, lasst uns mitfiebern mit Carakteren, so gaga und sonderlich und lebendig, wie kaum je einem Buch entsprungen, lasst uns mit offenem Mund lesen und den Kopf schütteln, lasst uns die Zeit haben für 570 Seiten einer aberwitzigen Geschichte und irren Wendungen, lasst uns herbeisehnen, dass das aufgeblasene Großmaul ohne nennenswerte Fähigkeiten, diese Niete, endlich auffliegt, lasst uns hoffen, dass der kleine Ganove doch noch sein Stück Gerechtigkeit erfährt, in seinem Leben und in diesem Buch, lasst uns lesen „Wassermusik“ von T.C. Boyle.

Das Erstlingswerk von Boyle, neu erschienen in einer Neuübersetzung 2014, es läuft über an allen Ecken, ist fulminant und opulent und was einem noch so alles an lautmalenden Fremdwörtern einfällt, wenn Mensch etwas liest und das Gefühl hat, er steht zu nah am Bahnsteig, ein Schnellzug rast vorbei, der Zugwind so stark, dass er wankt, sich aber gerade noch halten kann, schon ist der Zug vorüber, und er atmet tief durch und fragt sich, was war denn das. Erzählt wird die Geschichte des Schotten Mungo Park, der als erster Weißer den Verlauf des Niger erkunden soll, zwei Forschungsexpeditionen dorthin unternimmt, blauäugig und blind agiert, aber immer wieder Glück hat und zum Glück obendrauf seinen fähigen farbigen Assistenten Johnson, den Feingeist. Parallel zur ersten Afrikareise tritt in England Ned Rise auf, der Kleinganove, der von Anfang an keine Chance hat, diese aber gewitzt und durchtrieben nutzt, Stehaufmännchen und Leichenfledderer, der sich durchschlägt und von der Liebe überwältigt wird, der in aller Ungehobeltheit dem Leser sympathisch ist, dem man alles Glück dieser Welt wünscht.

In beiden Erzählsträngen, die sich irgendwann im letzten Drittel vereinen, lässt er kaum Zeit zum Durchschnaufen, dieser Boyle, und bombardiert mit Charakteren, einer denkwürdiger als der andere. Da ist Dassoud, der farbige Sohn eines Berbersultans, der menschgewordene Hulk, der Beißer, der nicht ablässt und mit übermenschlichen Kräften Mungo Park verfolgt. Oder Ailie Anderson, die eigensinnige und wissensdurstige Frau, die ausharrt und auf Mungo Park wartet, obwohl sie ihn eigentlich auf den Mond schießen sollte, oder Fanny Brunch, das unglückliche Dienstmädchen mit dem absurden Schicksal, und immer wieder Mungo Parks Assistent Johnson, intelligent, besonnen, umsichtig und doch tagelang mit einem verwesenden und bröckelnden Hühnerskelett am Hals, aus Aberglauben.

Es sind zwei Kapitel, die in England spielen und im Vergleich mit den teilweise überbordenden und saftigen Schilderungen aus Afrika eher schlicht daherkommen, die für mich hervorstechen und in Erinnerung bleiben, nämlich diejenigen, die Ned Rise‘ Geschichte dort einrahmen: „Weder Twist noch Copperfield, ja nicht einmal Fagin“ (S. 53 ff.), das von Geburt und Aufwachsen erzählt und „Väter und Söhne“ (S. 369 ff.), in dem Ned Rise noch einmal mit seiner Lebensgeschichte konfrontiert wird, nicht zum letzten Mal, diese Kapitel wirken unterschwellig unheimlich, es gibt kein Entkommen in dieser Zeit, in dieser Schicht, das hat etwas sehr Eindringliches, Bohrendes, und Neds Aufbruch nach Afrika ist schließlich zwangsläufig. Und dann auch herrlich, inmitten der ersten Afrikareise, die elegante und beiläufige Schilderung des Nilkrokodils, einer wissenschaftlichen Abhandlung gleich, und all ihre fatalen Folgen (S. 196 ff.).

Aber was wirklich zählt und der wichtigste Grund, dieses Buch zu lesen, das ist die Sprachgewalt Boyles, sein enormer Wortschatz, sein wortgewaltiges und dennoch lapidares und damit auch humorvolles und leichtes Erzählen, das sich nie um sich selbst dreht, sondern immer der Geschichte und ihrem Fortgang dient, das muss man mögen, dann ist es höchster Genuss.

Dann gilt: Lasst uns auf einen Trip gehen. Die einzige Nebenwirkung: Grandiose Unterhaltung.

Anmerkung:

T.C. Boyle, Wassermusik, neu aufgelegt Februar 2014, erschienen im Carl Hanser Verlag.

Wer die Nachtigall stört…

Es ist ein Buch, das viele kennen, ein amerikanischer Klassiker aus dem Jahre 1960, häufig Schullektüre, und jetzt, nach so vielen Jahren mit einer überarbeiteten deutschen Übersetzung neu aufgelegt: „Wer die Nachtigall stört…“ von Harper Lee. Es überrascht von Anfang an, so beiläufig und leicht ist es geschrieben, erzählt vom Leben der anfangs sechs- später achtjährigen Scout, ihres Bruders Jem und ihres Vaters Atticus Finch, der Witwer ist und Rechtsanwalt und alleine sorgt für seine beiden Kinder mit Hilfe der Farbigen Calpurnia. Scout erzählt aus ihrer Sicht, der Sicht des kleinen Mädchens, aber man hört Harper Lee heraus, die Erwachsene, denn manchmal zeigen Scouts Wahrnehmungen einen zu großen Überblick über ihre Welt, eine zu große Weitsicht, die es dem erwachsenen Leser leicht machen, der Erzählung freudig zu folgen, die zu einem kleinen Mädchen aber nicht ganz passen.

In den ersten Sätzen schon wird Jems Unglück mit dem Arm erwähnt, man versteht es nicht, und es braucht fast 450 Seiten, um es zu verstehen, Seiten, die wie im Fluge vergehen, die Erzählung plätschert leicht dahin, erzählt vom täglichen Leben, dem Schulbeginn, dem geheimnisvollen Boo Radley und anderen Nachbarn in der kleinen Provinzstadt Maycomb in den Südstaaten der USA.

Faszinierende Charaktere tummeln sich im Buch: zum Beispiel der kleine Ferienfreund Dill, der Scout und Jem im Sommer besucht, ein Junge mit großem Freiheitsdrang, endlosen Ideen und einer überbordenden Fantasie, aber im Grunde zutiefst traurig mangels echten elterlichen Interesses an ihm. Interpretationen vermuten, dass Harper Lee in dieser Figur ihren engen Freund Truman Capote verewigt hat, den Truman Capote, dem sie bei den Recherchen zu „Kaltblütig“ half;  man mag es kaum glauben, so dramatisch unterschiedlich sind die Sujets dieser beiden Bücher. Oder Mr. Dolphus Raymond, nur eine Randfigur gegen Ende des Buches, aber mit großem Augenzwinkern und Tiefsinn gezeichnet. Er stammt aus einer der ältesten örtlichen Familien, hat eine farbige Frau und mit ihr Kinder, gilt als hoffnungsloser Trinker und offenbart in einem herrlichen Gespräch mit Scout und Jem: “ ‚(…) Ganz unter uns, kleine Miss Finch, ich bin kein Trinker, aber weißt du, sie könnten nie und nimmer verstehen, dass ich nur deshalb so lebe, weil ich so leben will.‘ “ (S. 319). Oder die alte, kranke und zänkische Mrs. Dubose, deren Kamelien Jem nach einer gemeinen Provokation aus Wut zerstört und deswegen zum Vorlesen verdonnert wird, Vorlesestunden, deren Bedeutung Jem nicht ermessen kann und auch der Leser erst im Nachhinein versteht. Oder die standesbewußte Tante Alexandra mit ihrem Hang zu gesellschaftlichen Formalitäten, oder, oder.

Aber von allen Charakteren ist es der Vater Atticus, der dieses Buch und seine Kinder prägt, auch wenn über ihn zunächst fast nebenbei erzählt wird, eben so, wie ein Kind einen liebevollen Vater wahrnimmt: er ist einfach da. Atticus ist ein besonderer Mensch: ein fürsorglicher Vater, geduldig, wohlwollend und zugeneigt gegenüber seinen Kindern, etwas steif, aber verantwortungsbewusst, gebildet und mit ehernen Prinzipien der Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Toleranz, der Sätze sagt wie “ ‚Sie sind durchaus berechtigt, so zu denken, und sie können auch verlangen, dass wir ihre Meinung respektieren. Aber bevor ich mit anderen leben kann, muss ich mit mir selber leben. Das Einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen.‘ „ (S. 170). Und so ist es dieser Atticus, der dem Buch Aktualität verleiht, indem er den Leser anregt, sich mit ihm und seinen zeitlosen Werten zu beschäftigen, dieser Atticus, der ganz am Ende seine eigenen Prinzipien in Frage stellen und sich entscheiden muss, aus Gründen der Menschlichkeit.

Aber bevor es dazu kommt, findet ab der Mitte der Erzählung ein Aufsehen erregender Prozess statt: Der farbige Landarbeiter Tom Robinson wird beschuldigt, eine weiße junge Frau vergewaltigt zu haben. Atticus verteidigt diesen Landarbeiter, und dafür muss er sich rechtfertigen, vor der ganzen Kleinstadt, aber auch vor seinen Kindern. Der Ausgang des Prozesses zur damaligen Zeit im rassistisch geprägten Maycomb scheint klar, der Farbige muss verurteilt werden unabhängig von seiner Schuld, doch es gelingt Atticus, sich aufzubäumen gegen diese Zwangsläufigkeit; über das Ergebnis seiner Bemühungen handelt das gute letzte Drittel der Erzählung.

Für mich ist die stärkste Szene des Buches der Abend vor Prozessbeginn, als die Stimmung zu kippen droht und eine enthemmte Meute zu allem bereit ist. Auch in dieser dichten, bedrohlichen Szene geht es um Grundsätzliches, wenn Scout erzählt: „Atticus hatte gesagt, es sei höflich, mit den Leuten über Dinge zu reden, für die sie sich interessieren, und nicht über Dinge, die einen selbst interessieren.“ (S. 245) „(…) Ringsum herrschte Totenstille.“ (S. 246).

Und so ist „Wer die Nachtigall stört…“ ein zeitloses Manifest der Menschlichkeit. Oder einfach nur ein zauberhaftes Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen will.

 Anmerkungen:

Harper Lee, Wer die Nachtigall stört, Neuausgabe, 3. Aufl. August 2015, erschienen bei Rowohlt.

Kommissar Maigret

Drei Jahre lang war ich fast täglich zu Gast, zu Gast bei einem französischen Kommissar, Maigret ist sein Name, geschaffen von Georges Simenon, drei Jahre lang und sein Vorname ist mir immer noch nicht geläufig. Doch, Jules heißt er, Jules Maigret, aber das ist nebensächlich, er ist Maigret, ebenso wie seine Frau „Madame Maigret“ ist über 75 Romane hinweg. Die Ehe ist traditionell, sie wartet auf ihn, kocht und erhält und erhellt sein Heim in Paris, ich könnte es merkwürdig finden aus moderner Sicht, tue ich aber nicht, denn alles passt.

Und so verlässt Maigret Tag um Tag sein Heim, um Kriminalfälle zu lösen, nicht die blutigen, die ekeligen, sondern die leisen Verbrechen und Morde, die, die irgendwo und irgendwie einmal ausgelöst werden, er will den Verbrecher finden und, wichtiger noch, seine Beweggründe. Maigret macht keine großen Worte, das ist das eigentlich Beruhigende, sondern Maigret ist und lässt den Verbrecher sein. Er steht und sitzt und beobachtet, oft begleitet von einem Glas Wein, einem Glas Bier, und lässt wirken, sich auf andere und die Situation auf sich; seine Geduld, sein Warten können und seine Gelassenheit sind es, die Täter überführen und ihn für den Leser so einzigartig werden lassen. Denn Maigret färbt ab, ich kann mich ihm und seinem So-Sein nicht entziehen, ich nehme ein Stück davon mit, heraus aus dem Buch, in meine Gedanken und in die Gegenwart; das ist zeitlos.

Die Sprache ist klar und perlend, immer präzise, nie zu lang, nie zu viel, reine Meditation, sie beruhigt den Geist, den unruhigen, fast wie von selbst und es gab Tage in diesen drei Jahren, da freute ich mich auf den Abend, auf die Lektüre; wenigstens ein paar Seiten noch sich an schlichter und prägnanter, gleichwohl besänftigender Sprache berauschen, manchmal nur 15, 20 Minuten lang, wie auch sonst, neben Familie und Job, aber eben diese kurze Zeit auskostend, bis die Müdigkeit zu groß wurde, zu groß selbst für Maigret.

Mein erster Band war „Mein Freund Maigret“, im Mittelpunkt die französische Mittelmeerinsel Porquerolles, Maigret ermittelt ausnahmsweise dort und hat einen Schatten, den korrekten Inspektor Pyke von Scotland Yard, der seine, Maigrets, Methoden studieren soll. Die Nähe des englischen Kollegen und sein Beobachten beunruhigen Maigret und sind ihm unangenehm, aber wie sie da beide in der Trägheit und Schwülstigkeit des frühen Inselsommers nach und nach leicht verlottern und dabei den Fall lösen, das ist eine köstliche Charakterstudie und macht Appetit auf mehr.

Und es reicht ein einziger Band, egal welcher, mitten heraus aus der Gesamtausgabe, um festzustellen, ob es einen packt oder eben nicht. Lesen, weglegen, etwas abwarten; ich habe nach gut zwei Wochen gemerkt, dass mir etwas, jemand fehlte, da war es um mich geschehen, doch das wusste ich damals, ganz am Anfang noch nicht, welch ein Glück oder auch wie schade, hätte ich doch meine Vorfreude auf mehr Maigret tiefer auskosten können.

Anmerkungen:

Georges Simenon, Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden in chronologischer Reihenfolge und in revidierten Übersetzungen sind erschienen bei Diogenes, Zürich.