Zutrauen – Serendipität

Was für ein Wort: Serendipität, engl. serendipity. Es erlebt gerade einen Aufschwung, auch wenn es eine Einstellung beschreibt, die es immer schon gab: ein Nicht-Suchen und doch finden, ein Nicht-Eingreifen und doch erhalten, ein Nicht-zielgerichtet-Handeln und doch erreichen. Im Großen die ungeplante Entdeckung Amerikas und des Penicillins, im Persönlichen eine Methode der Lebensführung, die dem glücklichen Zufall Raum gibt und der großes Zutrauen innewohnt.

Sie entsteht aus der Erkenntnis heraus, dass durch Denken und Handeln nicht alles zu kontrollieren ist. Und allein der Versuch übermäßiger Kontrolle überaus anstrengend sein kann, selbst- und fremdschädigend. Der Verstand versucht im Denken zu greifen, was nicht zu greifen ist, und kann doch das Leben nicht lösen. Durch Handeln scheint vieles möglich und bleibt doch unerreichbar, egal, wieviel Mühe aufgewendet wird. Wird beides im Übermaß betrieben, Denken und Handeln, fehlt Raum für spontane Entwicklung.

Also heißt es, in Vorleistung zu gehen: Denken, Grübeln, Analysieren verabschieden. Handeln, Antreiben, Vorantreiben auf ein notwendiges Maß beschränken. Und den Rest sich selbst überlassen, nämlich den Dingen Gelegenheit geben, sich zu entwickeln. Raum schaffen.

Das ist Zutrauen pur. Was für eine Herausforderung.

Die Dinge laufen lassen, einen Schritt zurücktreten – ist das eine Absage an Leistung und Exzellenz? Aber nein, im Gegenteil. Denn es bedeutet nicht, nur noch halbherzig zu agieren oder im Mittelmaß zu verweilen. Es bedeutet, das Erforderliche in bestmöglicher Art und Weise zu tun, mit ganzem Herzen und allem Können, aber ohne Absichten, die über das bloße Handeln hinausgehen. Und dann loslassen und den Dingen Raum geben.

Konkret bedeutet das etwa, im Privaten persönliche Ziele definieren und dann loslassen. Schauen, was sich ergibt. Beruflich bestmögliche Ergebnisse zu produzieren und nicht anhaften. Schauen, was das bewirkt. Freundschaften und Netzwerke zu pflegen und ohne Druck zusehen, was sich entwickelt. Partnerschaft leben und bei sich bleiben. Schauen, wie sich das auswirkt.

Serendipität, was für ein wunderbares Wort. Das es noch nicht in den Duden geschafft hat, aber in das ein oder andere Lebensgefühl. Voller Zutrauen.

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Zutrauen – Werte

Was haben Zutrauen und der altmodisch anmutende Begriff der „Werte“ miteinander zu tun? Eine Menge. Aber das erfordert zunächst einmal eine Begriffsklärung.

„Werte“, das meint weder extern auferlegte Regeln – gesellschaftliche, soziale – noch althergebrachte und ohne eigenes Nachdenken übernommene, konservierte Überzeugungen und Standpunkte. „Werte“ meint kein politisches Programm und keine religiös verwurzelten Ansichten. All das kann sich in individuellen Werten widerspiegeln, muss es aber nicht. Denn hier geht es um die eigenen, die autonomen Werte, die jeder Mensch für sich selbst definiert und lebt. Wenn äußere Regeln bewusst miteinfließen, gut. Wenn nicht, auch gut.

Das klingt immer noch altmodisch?

Nun: Die eigenen Werte zu entdecken und nach ihnen zu handeln, ist brandaktuell. Denn in einer Welt, die immer bunter wird und immer mehr Handlungsmöglichkeiten eröffnet, braucht es einen inneren Kompass, der zum eigenen Wohl navigiert. Dabei sind „Werte“ positiv besetzte Grundsätze, etwas zutiefst Gutes, ethisch akzeptabel oder zumindest neutral. Beispiele für positive individuelle Werte sind etwa: Freundschaft, Familie, Zuverlässigkeit, Loyalität, Wissen, Unabhängigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Sicherheit, Freiheit. So sind die positiven Werte individuelle Handlungsmaximen, die sich im günstigsten Fall als roter Faden durch alle größeren und kleineren Entscheidungen ziehen. Die ihre Grenzen finden an den Rechten Anderer.

Es gibt Werte, nach denen jeder – oft unbewusst – schon immer handelt. Und es gibt Werte, die manche neu für sich entdecken und ihr Handeln danach ausrichten. Aber wer macht sich darüber im Alltag schon Gedanken. Denn Probleme mit den eigenen Werten gibt es nur, wenn jemand gegen seine eigenen Werte handelt – oder glaubt handeln zu müssen, weil eigenes, wertgerechtes Handeln scheinbar mit den Erwartungen Anderer kollidiert. Kurz also, mit den Werten Anderer nicht übereinstimmt. Das kann sich sogar körperlich äußern als innere Unruhe, Schlaflosigkeit oder endloses Grübeln. Oder mangelndem Zutrauen. Dann stimmt etwas nicht.

Was tun?

Bei den eigenen Werten bleiben. Ohne Wenn und Aber. Oft bedeutet das, sie erst einmal herauszufinden, sich klar zu werden über die eigene Leitlinie, die eigene goldene Richtschnur. So ist es immer wieder ein Erlebnis, in der Beratung die individuellen Werte herauszuarbeiten, ein Aha-Erlebnis sondergleichen, das in der Regel schlagartig zu innerer Klarheit und Entspannung führt. Oft eingeleitet mit dem Wort „Eigentlich…“.

Und das ist noch nicht das Ende. Denn Werte können der individuelle Leitfaden für größere und kleinere Entscheidungen sein, aber auch Leitsterne für individuelle Ziele. Daran scheitern ja die meisten selbst gesetzten Ziele: sie wurzeln nicht in den eigenen Werten, sondern kommen von außen. „Man sollte…, man müsste…“. Solange solche Ziele nicht in den eigenen Werten verankert sind, verpuffen sie allzu schnell. Und andererseits möge jeder einmal an Menschen denken, die sie oder ihn beeindrucken. Das sind in der Regel Menschen mit einem starken inneren Gerüst, einem stabilen und bewussten Wertekanon. Eine Eigenschaft, die jeder für sich erreichen kann.

Wertgeleitete Entscheidungen treffen und wertbasierte Ziele definieren, das schafft tiefe Zufriedenheit. Und damit ganz nebenbei wieder Zutrauen.

Zutrauen – Das Eine

Was treibt dich an? Was begeistert dich? Wofür brennst du? Was haut dich um? Worüber vergisst du die Zeit? Oder weißt du das nicht…. nicht mehr?

Das Eine. Nicht die Eine, nicht der Eine, kein Mensch, der scheinbar zum großen Glück beiträgt oder fehlt. Sondern das Eine, das eine große Interesse, die eine große Leidenschaft. Die den Platz einnimmt, den sonst Angst und Sorge beanspruchen könnten.

Manche Menschen können spontan benennen, wofür ihr Herz schlägt. Meistens mit einem Leuchten in den Augen, Ausstrahlung, um die sich niemand bemühen muss. Manchen Menschen sieht man ihr Eines an, sie wirken zufrieden, selbstvergessen, schweben. Andere sind noch auf der Suche oder haben das Eine verloren, über die Jahre und die Ereignisse.

Dabei kommt das Eine oft einfach und schlicht daher, es kostet nicht viel Geld, ist nicht im Supermarkt erhältlich, auch nicht in der Boutique, beim Juwelier oder in der Kneipe. Aber das Eine beansprucht etwas ganz Wesentliches: es kostet Zeit. Und das ist oft das Problem.

Was tun? Es gibt so einen schönen Begriff im Japanischen: Kaizen. Kaizen, das bedeutet übersetzt „die Veränderung zum Besseren“. Es ist eine Managementmethode, aber auch ein philosophischer Ansatz. Der Kern: ein schrittweises Streben nach Veränderung. Der Mindestaufwand: 1 Minute. Wie bitte? 1 Minute? Ja. Das reicht für den Anfang, und so ist ein Anfang schnell gemacht.

Eine Minute für das Eine.

Eine Minute nichts anderes machen als innehalten, in sich hineinhören und schauen, was passiert. Welche Ideen kommen, was könnte interessieren, wofür schlägt das Herz. Es wird sich etwas finden, denn es ist alles schon da. Alle Fragen und alle Antworten. Vielleicht nicht beim ersten Mal, aber mit etwas Geduld in einer der Kaizen-Minuten der folgenden Tage. Wer möchte, steigert die Zeit behutsam, ein, zwei Minuten mehr, doch zunächst höchstens 15 Minuten. Das reicht völlig.

Am Anfang steht das Finden des Einen, dann ergibt sich die Umsetzung ganz von selbst. Was soll das sein? Das weiß jeder selbst. Basteln, Malen, Kochen, Backen, Vogelstimmen bestimmen, Hollywoodfilme der 50er Jahre, gesammelte Werke von…, Gedichte der Gegenwart, Lesen, Vorlesen, Theater, Singen, Joggen, Mountain Biken, Segeln, Surfen. So individuell unterschiedlich, wie wir alle sind, so unterschiedlich ist das Eine. Ohne die Pflicht, irgendetwas zu rechtfertigen oder zu begründen.

Irgendwann könnte man sich fragen, Mensch, warum bin ich darauf noch nicht früher gekommen?  Vermutlich weil ich keinen Raum geschaffen habe, um auf diese Idee zu kommen. Aber jetzt darf sich das Eine ausbreiten, Raum einnehmen, Zeit beanspruchen im eigenen Leben. Wenn Herz, Bauch und Kopf mit dem Einen beschäftigt sind, sind Angst und Sorge passé, kann Zutrauen entstehen oder wachsen. Ganz von selbst.

Mehr Zutrauen? Don’t be hobbylos.

Zutrauen – Klarheit

Eigentlich. Wer hat dieses Wort bloß erfunden? Es könnte alles so schön sein, aber eigentlich… möchte ich dieses Buch nicht weiterlesen, möchte ich diesen Joghurt nicht essen, möchte ich diese Verabredung nicht wahrnehmen…  würde eigentlich lieber schwimmen als joggen, lieber faulenzen als bügeln, lieber helfen, statt nur zuzuschauen …  tja, eigentlich würde ich gerne ein ganz anderes Leben führen. Persönliche Klarheit ist etwas anderes.

Und doch ist dieses Wort nicht wegzubekommen, benutzen es viele, die nicht anecken wollen, die nicht genau wissen, was sie wollen oder es vielleicht wissen, aber nicht sagen wollen. „Eigentlich nicht“ statt Nein, „eigentlich schon“ statt Ja. Was für ein riesiger Unterschied, sprachlich und atmosphärisch, so beliebig in der Absage wie in der Zustimmung. Schlimmer noch, dieses Wort signalisiert Diskussionsbereitschaft, die eigentlich gar nicht besteht.

Eigentlich, das ist die wortgewordene Warteschleife der persönlichen Vorstellungen, Wünsche und Bedürfnisse. Dabei bedeutet es „in Wirklichkeit, im Grunde“, oder „in echt“. Das ist der Schlüssel. Wenn man das erkannt hat, ist der Weg zu mehr persönlicher, innerer Klarheit nicht weit. Dann kann dieses Wort als Marker fungieren, zu zeigen, was einem wirklich wichtig ist. Wie das?

Denken bestimmt die Worte und Worte bestimmen das Denken, auch Framing genannt. Eine Anregung für einen Versuch: in den nächsten drei Wochen das Wort „eigentlich“ herunterschlucken, immer dann, wenn es auf der Zunge liegt. Und überlegen, was man gerade sagen wollte und warum man es verschleiert und relativiert. Was einen hindert zu sagen oder zu tun, was man „eigentlich“ sagen oder tun will. Mancher entdeckt dabei eine Rücksichtnahme, die das Gegenüber schützen soll. Das kann gut sein, angebracht, den Grundsätzen von Menschlichkeit und Höflichkeit entsprechen. Und darf dennoch hinterfragt werden. Mancher könnte dabei aber auch Angst entdecken, Sorge, sich seiner eigenen Vorstellungen gewahr zu werden oder für sie einzustehen. Und das dürfte zum Nachdenken anregen.

Was hat Klarheit nun mit Zutrauen zu tun? Eine Menge. Wer über seine eigenen Vorstellungen und Wünsche im Unklaren ist oder sie nicht formulieren kann, wird Schwierigkeiten haben, Zutrauen zu entwickeln. Wie auch, die Basis fehlt, es gibt keinen Nährboden für Zutrauen, keinen Ankerpunkt in eigenen Überzeugungen. Der Weg zu mehr Klarheit ist ein erster und ganz persönlicher Schritt zu mehr Zutrauen. Der sich bewusst im Mikrokosmos abspielt, aber letztlich Auswirkungen hat auf das Zutrauen im großen Ganzen.

Von der Klarheit zum Zutrauen, ein großer Schritt? Eigentlich nicht.

Zutrauen – Information Overload

Kennt Ihr das? Den Sog der schlechten Nachricht? Schlechte Nachrichten haben eine Tendenz, sich zu vervielfachen, über die Tage immer mehr und immer abgründiger zu werden, wenn aufgedeckt wird, was alles schief gegangen ist. Information Overload. Das ist ein Angebot der Nachrichtenredaktionen, das auf breite Nachfrage trifft, oder ist es andersherum? Warum verfolgen manche stündlich die aktuellen Entwicklungen, online, auf dem Smartphone, hautnah dran?

Die Beweggründe sind zahlreich und stecken tief im Innersten. Manche treibt der Wunsch, dass doch nicht alles so schlimm ist, wie geschildert, dass doch irgendwo das Samenkorn Hoffnung versteckt ist. Andere wollen Sicherheit, wollen Erfahrung generieren für ihr eigenes Leben, das hätte ich nicht gemacht, so nicht gemacht, puh, Glück gehabt. Und viele treibt das Mitgefühl, das Mitleid, und häufig doch nur das schwache, selbstreflexive Mitleid, die „Ungeduld des Herzens“, über die Stefan Zweig nachdachte, nicht das zupackende, teilnehmende, schöpferische Mitgefühl.

Wie immer auch nun die Beweggründe sein mögen, ein Mehr an Informationen führt nicht zu einem Mehr an Zutrauen, ganz im Gegenteil. Doch die schlechte Nachricht ist nicht mehr zu ändern und lässt sich nicht verbannen. Es bleibt, kurz inne zu halten, von Herzen mitzufühlen, ein Gedenken an Betroffene. Wer kann, hilft, jeder auf seine Weise. Und dann ein Nachrichtencut. Alles, was folgt, verwässert, verstört, verwirrt. Und kann zermürben.

Im Rückblick begann der Information Overload mit dem furchtbaren Terror vom 11. September 2001. Damals erlebten Nachrichten-Onlineportale ungeheuren Zulauf, und in der nachfolgenden Zeit wurden Onlinenachrichten für viele zur täglichen Gewohnheit. Die Redaktionen griffen das auf und aktualisieren häufiger denn je ihre Portale. Und die Anzahl der Artikel steigt und steigt. Ein Vergleich: vor gut fünfzehn Jahren gab es rund vier bis sechs Nachrichten vor den Trallala-Seiten „Panorama, Aus aller Welt, Vermischtes“. Heute sind es zehn bis zwölf. Was ist der Grund? Mehr Nachrichten – oder mehr Artikel?

Zutrauen wächst nicht durch ein Mehr an Informationen und Nachrichten, sondern durch ein Weniger. Wird man davon dümmer? Nein. Blauäugiger? Nein. Potentielles Opfer dreister Populisten? Nein. Denn Nachrichten durchwabern unseren Alltag, selbst wenn alle Nachrichten-Apps und -Lesezeichen gelöscht sind. Auch dann weiß man, wer designierter Außenminister der USA ist, wie die Böhmermann-Sache ausging und wie es um Italiens Banken steht. Und eigenes Denken steht ohnehin frei.

Von Helmut Schmidt hieß es einmal, er lese morgens die Zeitung und schaue abends die Tagesschau. Mehr nicht. Ich kann das nicht nachprüfen, aber jeder kennt einen älteren Menschen, der sich dem durchgängigen Nachrichtenfluss verweigert. Man mag das für ein Privileg des Alters halten, vielleicht sogar des richtig hohen Alters. Man kann das aber auch als Ausdruck derjenigen sehen, die gelernt haben, gut für sich zu sorgen. Um im richtigen Moment entscheidungs- und handlungsfähig zu bleiben.

Und dafür muss man nicht warten, bis man alt wird.

Zutrauen – Ein Jahresprojekt

Zum Jahreswechsel schauen alle gewohnheitsmäßig zurück und nach vorne. Aber was ist das dieses Jahr für ein Blick: Die Durchsicht von Zeitungen, Magazinen und auch Blogs zeigt, dass das zurückliegende Jahr als besonders schlimm und erschütternd empfunden wurde, jeder hat die furchtbaren Nachrichten präsent, Tod, Terror, Krieg, dazu Nachrichten, die als schlecht empfunden werden, weil sie deutschen Gewohnheiten und Erwartungen nicht entsprachen. Das beunruhigt und verängstigt. Dem neuen Jahr begegnen viele mit Skepsis, es ist wohl nichts Besseres zu erwarten, im Gegenteil. Die globalen Entwicklungen verunsichern zutiefst, die Nachrichtenlage scheint eindeutig und das Glas ist dauerhaft halbvoll.

Und auf der anderen Seite fordert die Politik Zuversicht und Furchtlosigkeit, Widerstand gegen diese Entwicklungen, kurz Zutrauen in das, was da kommen mag. Aber was tun mit der diffusen Angst und Sorge, vieles werde sich zum Schlechten wenden? Wo sind die Wege, die Zutrauen wachsen lassen, allen Unkenrufen zum Trotz? Denn „Angst ist ein schlechter Berater“ und erschwert vernünftige Entscheidungen und individuelle Lebensfreude sowieso.

Im Konzert der nachdenklichen und sorgenvollen Rückblicke gibt es auch die anderen Beispiele, Menschen, die auf das Jahr 2016 zurückblicken und sagen, das war ein gutes Jahr. Wie kommen sie zu dieser Einschätzung? Worauf konzentrieren sie sich, wo liegt ihr Geheimnis? Welches Verhalten, welche Einstellungen führen zu mehr individuellem Zutrauen und weniger diffuser Angst?

Damit will ich mich bei diesem Jahresprojekt in loser Folge beschäftigen. Dabei möchte ich bewährte Maßnahmen vorstellen und neue Maßnahmen untersuchen, die zu mehr Zutrauen führen können. Denen allen eins gemeinsam ist: sie fangen beim Einzelnen selbst an, nirgendwo anders, es ist alles bereits da, denn die Welt wird sich nicht ändern, nur weil ich es angstgetrieben gerne hätte. Aber sie kann sich ändern, Stück für Stück, wenn ich mit Zutrauen meinen Weg gehe.

Ein Patentrezept gibt es nicht, aber viele kleine Bausteine. Mehr denn je würde ich mich über einen Austausch in diesem Blog freuen, denn sicherlich haben viele eigene Erfahrungen gemacht, die sie teilen möchten. Just do it.

In diesem Sinne ein frohes Neues Jahr.

Hieronymus Bosch

Der große Maler und Visionär, geboren um 1450, gestorben 1516, zum 500. Todestag gab es 2016 europaweit große Werkschauen. Viel produziert hat er nicht, es sind knapp über 20 Werke, die ihm zugeschrieben werden, aber die haben es in sich. Allen vorweg die dreigliedrigen Altarbilder, sie faszinieren seit 500 Jahren und immer noch, Der Heuwagen, Die Versuchung des heiligen Antonius, Der Garten der Lüste. Es mögen kunsthistorisch Berufenere im Einzelnen zu Hieronymus Bosch‘ Leben und Werken Stellung nehmen, hier soll es um etwas anderes gehen: Um grenzenlose Fantasie. Und um Mut.

Was hat er sich nur dabei gedacht? Bei diesen Wimmelbildern für Erwachsene, beim Po mit den Beinen, beim Messer zwischen riesenhaften Ohren, beim Waldmenschen, der freundlich und direkt aus dem Bild herausschaut, bei fliegenden Fischen und einem Satan, der Menschen frisst und gleich wieder ausscheidet. Unheimlich? Auch. Aber auf eine eigentümliche Art und Weise wissend und anrührend zugleich, Kunst, die auch nach 500 Jahren im digitalen Zeitalter berührt und nachdenklich stimmt, mehr noch: gegen die Wesen, die Bosch sich ausdachte, sind viele gegenwärtige Horrorgestalten Kindergeburtstag. In Zeiten blutrünstiger Filmwerke und bluttriefender, hochgradig grausamer Kriminalromane aktueller denn je. Bosch könnte sich problemlos einreihen ins Jetzt und wäre auch heute noch erfolgreich. Ein Visionär, Fantast, Ausnahmekünstler.

Ob er sich mutig gefühlt hat? Denn Mut kommt als zweites in den Sinn, wenn man die Werke betrachtet, Mut, das zu malen, was man dort sieht. Getümmel, Menschen, Mord, paradiesische Zustände, Tiere und Früchte, das pralle Leben und Folter und Gräuel. Ein Nebeneinander, das erschauern lässt, aber nur kurz, zu dicht ist die Darstellung und regt an zum Nachdenken über die Polarität des Lebens, das mittelalterliche Selbstverständnis, auch die mittelalterliche Demut. Abbild und Mahnung zugleich, aber so etwas musste man damals erst mal auf die Leinwand bringen. Sich trauen, Szenen zu malen, die Schauer verursachen und Furcht und Schrecken und gerade wegen ihrer Perfektion und Meisterschaft verführen, den Blick nicht abzuwenden, sondern hinzuschauen. Und doch hat Hieronymus Bosch den Menschen viel zugemutet und tut es immer noch. Mutig.

Das ist es, was den Gegenwartmenschen fasziniert: er hat sein Ding gemacht, so wie er es für richtig hielt. Und was er sich dabei gedacht hat? Wir werden es nie erfahren. Auch das hat seinen Reiz.

Die Gedanken sind frei

Ein altes Volkslied ist es, das uns von der Gedankenfreiheit schwärmt, die Idee stammt schon aus dem Mittelalter, geschrieben und vervollständigt wurde es rund um 1800, der Endfassung Leben eingehaucht hat Hoffmann von Fallersleben. Die Melodie: ein Ohrwurm. Der Text: pure Inspiration.

„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, sie fliehen vorbei wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen, es bleibet dabei, die Gedanken sind frei.“

Die Gedanken sind meins, niemandes anderen, etwas ausschließlich Eigenes, wie beruhigend, unzerstörbar, unkaputtbar, geheim. Keiner fremden Bewertung unterliegend. Aber auch: das Tor in andere Welten. Dabei ist nicht nur das Denken an Mögliches gemeint, sondern auch der Gedanke an Unmögliches, vielleicht übertrifft man dann doch das Mögliche, denn unmöglich ist es vielleicht nur, solange es nicht gedacht wird? „Manchmal denke ich schon vor dem Frühstück an nicht weniger als sechs unmögliche Dinge.“ (aus Alice im Wunderland, s.u.). Und wenn es stimmt, dass Menschen nicht bereuen, was sie getan haben, sondern bedauern, was sie nicht getan haben, dann ist der erste Schritt, es überhaupt zu denken.

„Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker, das alles sind rein vergebliche Werke; denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei: die Gedanken sind frei.“

Es kommen unschuldig Inhaftierte, unwürdig Inhaftierte in den Sinn, und diese Strophe könnte uns vorkommen wie Hohn. Doch es gibt sie, die Beispiele, die von der Kraft einer Vision erzählen, die auch hinter Gefängnismauern Bestand hatte und letztlich siegte. Nelson Mandela, Mahatma Gandhi, Ausnahmepersönlichkeiten, immer wieder oder gar lange inhaftiert, aber ihre Idee, ihre Gedanken sind geblieben. Sie waren jeweils erfolgreich, haben Indien in die Unabhängigkeit und Südafrika aus der Apartheid geführt. Und vor fast dreißig Jahren waren es undenkbare Gedanken, das Wagnis, das Unmögliche zu denken, die die deutsch-deutsche Mauer einrissen. Jede Bewegung beginnt mit einem Gedanken. Im richtigen Moment gedacht scheint seine Macht schier unbegrenzt.

„Drum will ich auf immer den Sorgen entsagen und will mich auch nimmer mit Grillen mehr plagen.“

Zurück im individuellen Alltag, wie aktuell und fortschrittlich ist dieser Satz aus der letzten Strophe für jeden Einzelnen, gelegentliches Grübeln stoppen, die ein oder andere Sorge unterbinden, als bewusste Willensentscheidung. Ich allein bin Herr über meine Gedanken und habe es in der Hand, sie zu befördern oder zu stoppen. Ich allein bestimme, wer oder was in meinem Kopf wohnt. Und Schuld ist nicht das oder der, der sich dort gerade breit macht. Eigenverantwortung pur. So kann es Sinn machen, jeden Morgen etwas Inspirierendes, etwas Gutes zu denken, bevor andere Nachrichten unsere Gedanken gefangen nehmen könnten. Das ist ein gutes Rüstzeug, um den Gedankenstrom in die richtige Richtung zu lenken. Ein Sinnspruch, ein Kalenderblatt, eine inspirierende Reflexion. Sie wirken über den Tag im Unbewussten fort und lassen keinen Platz für Sorgen und Grillen. Oder Animositäten. In der Konfliktarbeit ist das ein segensreiches Werkzeug, um im Kopf der Kontrahenten Raum zu schaffen für eine Lösung. Ganz nebenbei könnte es dem Individuum helfen: „Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.“ (zugeschrieben Voltaire).

Oder, um beim Liedtext zu bleiben:

„Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen und denken dabei: die Gedanken sind frei.“

Dem möge nichts im Wege stehen.

Anmerkungen:

Alice im Wunderland, Film USA, 2010, Regie: Tim Burton.

Lagom

Lagom, dieses schöne schwedische Wort, geheimnis- und verheißungsvoll, nicht übersetzbar, es bedeutet so viel wie das rechte Maß, gerade richtig, nicht zu viel und nicht zu wenig. Beneidenswert ist eine Sprache, die hierfür einen Begriff hat, wie wäre das im Deutschen? Das rechte Maß oder gar „gesundes Mittelmaß“, wie unsexy das klingt, so spießig und verstaubt. So, dass man sich eigentlich gar nicht damit beschäftigen will, denn es schwingt ein Zurechtstutzen mit auf eben dieses Maß, ein Verkleinern, durch Erwartung oder gar Zwang, aber keine Freiwilligkeit oder gar persönlicher Nutzen. Um wie viel schöner und ausgewogener klingt da für unsere Ohren „Lagom“.

Das rechte Maß, es ist keine Erfindung der Neuzeit, im Gegenteil, es beschäftigt seit hunderten von Jahren Menschen, und es ist ein individuelles rechtes Maß. „In bezug auf uns aber bedeutet die rechte Mitte das, was weder zuviel noch zuwenig ist: das ist aber keineswegs bei allen eines und auch nicht dasselbe.“ formulierte Aristoteles vor über zweitausend Jahren.* Jeder darf also für sich selbst herausfinden, wo sein individuelles rechtes Maß liegt, darf Warnungen, Hinweise und Ratschläge zur Kenntnis nehmen und auf ihre Tauglichkeit für sich selbst prüfen. Muss nicht übernehmen, was andere als rechtes Maß definieren, sondern darf es individuell bestimmen. Das ist Freiheit und Verantwortlichkeit in einem. Im Gegenzug können das Finden und Einhalten des persönlichen rechten Maßes Gesundheit schenken und Zufriedenheit. Dann steht das rechte Maß auch für den Einklang mit sich selbst und den unbedingten Willen, dass es dem Maßhaltenden gut ergehen möge. Als Belohnung, sozusagen. Und sich im individuellen rechten Maß zu bewegen, kann in anderen Bereichen ungeahnte Energien freisetzen, physisch und psychisch, im Inneren und im Äußeren.

Also das rechte Maß suchen und festhalten?

So einfach ist das nicht. Denn die Extreme locken, versprechen Lebendigkeit  und Abenteuer, manchmal Trost. Das gilt für so viele Bereiche, Arbeiten, Schlafen, Essen, Trinken, Freizeit, Sport, Technik, Faulenzen, Aktivität. Und umgekehrt, wo die Extreme fehlen, droht Langeweile, droht Durchschnitt, droht Stillstand. Braucht das rechte Maß, Lagom, vielleicht gerade die Ausreißer nach oben und nach unten zur ständig wiederkehrenden Feinjustierung? Zum fortdauernden Wiedereinpendeln? Ab und zu über die Stränge schlagen, um die Mitte auszubalancieren?

Für die Jugend gilt das sicherlich, welcher Zwanzigjährige und auch Dreißigjährige hält schon dauerhaft das rechte Maß ein. Dass das erstrebenswert sein könnte, drängt sich erst dem älter, reifer werdenden Menschen auf, dann nämlich, wenn die physischen Kapazitäten die Ausreißer in die Extreme nicht mehr vertragen. Aber auch das ist kein Selbstläufer, bedauerlicherweise gehört das Maßhalten zum Älterwerden nicht naturgegeben dazu. Es bleibt eine Frage des Wollens und Wünschens, ein lebenslanger Prozess. Und es ist nicht nur eine Willenssache, der Kopf tut sich schwer, wenn Herz und Bauch nicht mitziehen. Denn die allzu menschliche Lust auf Extreme lässt sich nicht einfach abstellen, nicht durch Vernunft und jedenfalls nicht nachhaltig. Das geht nur, wenn der Bauch merkt, wie gut das tut, das Maßhalten also mit Zufriedenheit belohnt wird. Damit ist wie so oft der erste Schritt der schwerste.

Lagom, das rechte Maß. Kein Zustand, sondern ein ständiges Bemühen. Das vielleicht irgendwann in Selbstverständlichkeit mündet.

Anmerkungen:

* Aristoteles, Nikomachische Ethik, z.B. Fischer Taschenbuch, 2016, S. 42.

Tagträumen

Auf der Wiese liegen, ein Bach gurgelt in der Ferne, gedämpft durch das Einsinken im Gras. Strohhalm im Mund, in die Sonne blinzeln, Tom Sawyer-Idylle. Süße Träumerei, Gedanken schweifen lassen, sie spielen miteinander, eins ergibt sich aus dem anderen, immer weiter. Phantasie ist das, Kreativität entsteht daraus, Wohlbefinden ebenso wie Zufriedenheit.

Wann ist das in Verruf gekommen?

Es hat den Hauch des Unerlaubten, des Falschen, dennoch kennen wir es alle, das Tagträumen. Allerdings modifiziert. Wir nehmen uns nicht die Zeit dafür, es kommt immer dann, wenn wir eigentlich beschäftigt sind, mit einer Aufgabe, Arbeit, Tätigkeit. Plötzlich schweifen die Gedanken ab, in die Vergangenheit oder Zukunft, wir analysieren Situationen, machen Pläne, spielen in Gedanken Aktionen und Reaktionen durch. Oft passiert das bei Routinetätigkeiten oder wenn notwendige Pausen nicht eingehalten werden – der Kopf holt sie sich. Manchmal werden die Gedanken verstärkt durch intensive Emotionen, Freude, Ärger, Trauer, dann kann es uns zu schaffen machen.

Tatsächlich gibt es im Gehirn Bereiche, die genau für dieses Tagträumen zuständig sind, das sog. Default Mode Network, das Ruhestandardnetz oder Leerlauf-Netzwerk.* Es ist immer dann aktiv, wenn keine konkreten Aufgaben gelöst werden, wenn im Kopf eigentlich Ruhe, zumindest eine verminderte Hirnaktivität herrschen sollte. Pustekuchen. Gerade dann arbeiten diese Teile des Gehirns intensiv, produzieren Tagträume, Vorstellungen, selbstbezogenes Denken. Das kann problematisch werden, wenn dieses Denken sich verselbständigt und negative Gedanken vorherrschen; es kann unzufrieden machen oder sogar krank. Und es gibt einige Methoden und Tipps, damit umzugehen, wie Meditation*, Achtsamkeit, visualisierte Gedankenstopps, damit das nicht Überhand nimmt.

Aber was ist mit der guten Seite der Tagträumerei? Dem Versinken in schönen Vorstellungen, Ideen, Plänen, sie können sich potenzieren zu einem Mehr an positiven Emotionen oder zu einer kreativen Explosion. Der Wert ist kaum messbar, denn manchmal kommt auch nichts dabei heraus. Oder ganz viel, positive Vorstellungen können eine Quelle sein für Zuversicht, Trost und Hoffnung und damit ein wichtiger Bestandteil der persönlichen inneren Widerstandskraft, der Resilienz.

Literarisch ist das Tagträumen erlaubt, ja geradezu essentiell, und folgende Gedanken über das Nebeneinander von innerer und äußerer Realität berühren:

„Mir ist natürlich klar, dass diese Phantasien kindisch sind. Und doch bin ich mir sicher, dass es in diesem Universum einen Ort geben muss, von dem aus betrachtet beide Welten gleich wahr sind. Die echte und die ausgedachte. Denn wenn alles vergessen und vorbei ist, wenn die Zeit in Milliarden Jahren alles entfernt hat und es keinen Beweis mehr für gar nichts gibt, dann spielt es keine Rolle, was die Wirklichkeit war. Dann sind die Geschichten, die ich mir in meinem Kopf ausgedacht habe, vielleicht genauso wirklich und unwirklich gewesen wie das, was die Menschen Realität genannt haben.“ Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit, S. 309.*

Die Gleichwertigkeit von Fiktion und Realität im Verhältnis zur Zeit. Das ist Literatur und Literatur darf merkwürdige Fragen aufwerfen, muss sie sogar, aber ist diese Aussage nicht rührend und romantisch? Geradezu verführerisch?

Also dann: Wiese her, Bach her, Einsinken im Gras. Und träumen.

*Anmerkungen:

Einführend zum Default Mode Network: Prof. Marcus E. Raichle, Im Kopf herrscht niemals Ruhe, in: Spektrum der Wissenschaft, Juni 2010, S. 60-66.

Zum Zusammenhang zwischen Default Mode Network und Meditation: Ulrich Ott, Meditation für Skeptiker, 2010, erschienen bei O.W. Barth Verlag, insb. S. 98-101.

Zitat zum Tagträumen: Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit, 2016 erschienen bei Diogenes.